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Gundula Schulze Eldowy – Berlin in einer Hundenacht

Die Wunderkraft der Bilder, drei Bücher und eine Ausstellung der genial störrischen Gundula Schulze Eldowy.

„Ich möchte der Stille lauschen, dem atemlosen Bach. Entlang der Sonnenbahn. Um mich herum erleben Bäume, Himmel, Sonne, Sterne, Mond, Erde, Luft, Menschen und Tiere synchron dasselbe wie ich. Es gibt kein Du und kein Ich. Es gibt kein Objekt und kein Subjekt. Es gibt kein Opfer und keinen Täter…“
Die Künstlerin Gundula Schulze Eldowy ist in einem frappierenden Sinne authentisch. Sie schert sich nicht um Kategorien, Moral oder Kanon. Sie benutzt, was sie vorfindet, schöpft aus Worten Bilder und aus Bildern Worte. Wenn im Leipziger Lehmstedt Verlag in diesem Herbst gleich drei Bücher erscheinen, die ihren Namen tragen, stellt dies in erster Linie ein Qualitätsmerkmal dar. Bei Lehmstedt erscheinen die Großen, die Schwierigen, die Nachhaltigen. Nun also Gundula Schulze, wie sie zu DDR-Zeiten hieß, in ihrer alten Verzauberung und ihren neuen Gewändern, die Welt-Bürgerin Gundula Schulze Eldowy.
Viele bekannte, ja legendäre (weil bereits zu DDR-Zeiten als Postkarten vertriebene) Bilder finden sich im Band „Berlin in einer Hundenacht“, ergänzt durch die fragmentarische Prosa der Fotografin. Porträts und Landschaften, die Häute der Stadt und ihrer Bewohner. Dieses schwergewichtige, knapp 250 Seiten starke Buch will behutsam erobert werden. An der halbblinden Briefträgerin vorbei, dem Restaurant „zur unterirdischen Tante“, den sich Küssenden, Dösenden, Nackten und Trinkenden dringt der Betrachter in das eigenwillige Universum einer Unbehausten. Auf den Seiten 90/91 finden sich zwei zusammengehörige Bilder, wie dem Betrachter später, bei einer vertiefenden Lektüre des vorangestellten Textes eingehen mag. Auf dem linken Bild steht im Vordergrund eine leere Flasche Bols, in die eine Miniaturtänzerin eingelassen ist und sich wahrscheinlich soeben gedreht hat, verschwommen dahinter das Gesicht einer alten Frau, das andeutungsweise lächelt. Die Arme der Frau liegen aufgestützt auf dem Tisch, den eine geblümte Tischdecke bedeckt, rechts ist eine gestrickte Mütze zu sehen. Das war es, und doch liegt in diesen wenigen bildlichen Andeutungen eine ganze Welt. Auf dem rechten Blatt der Doppelseite ist ein viel eindeutigeres Foto zu sehen, auf den Knien einer alten Frau liegt ein Fotorahmen. Die Kamera ist nach unten gerichtete, als wäre sie das Augenpaar der Betrachterin, die knorrigen Hände liegen auf dem Glas des Bildes über den beiden Jugendlichen. Zwei Jungs, einer in Uniform, starr geradeaus blickend, der andere seitwärts, in Pullover und Hemd. Der Kontrast zu den gealterten, abgearbeiteten Händen springt ins Auge und bedeutet nur eines, es gab danach keine Bilder mehr, Jahrzehnte vergingen im Leben der Frau, ohne diese Jungs. Ein Bilderrätsel, dessen Erraten zu Tränen rührt.
Zurück zur Seite 14, wo die Auflösung der erwähnten Aufnahmen lauert, da ist Margarete, eine über achtzigjährige Dame, Stammgast im Fengler, einem Künstlertreff in der Lychener Straße. Sie sitzt dort mit ihren schlohweißen Haaren im dicksten Zigarettenqualm und singt alte Berliner Lieder! „Margarete war so etwas wie eine Urmutter, rund und weich und dick und stark. Obwohl sie alle Katastrophen der Stadt erlebt hatte, war nicht eine Spur der Verbitterung in ihrem Gesicht. Sie strahlte reine Liebe aus.“ Und wenige Zeilen später zeigt sie der jungen Fotografin, die sie nach Hause begleiten darf, die vergilbten Fotografien zweier junger Männer, ihrer Söhne. „Ich verlor gleich zwei auf einmal.“ Sagt die alte Frau und schaut auf die kleine Tänzerin in der Flasche. Wie Verlag und Künstlerin dieses Zittern der Lebenssplitter präsentieren, ist zart und überwältigend zugleich!
Im Textband „Am fortgewehten Ort“, dem auch Fotografien beigegeben sind, erfährt der Leser einiges über die Ansichten der Künstlerin. Das Fragen und Suchen eines jungen Menschen, das Heimspüren in eigene Gewissheiten, die Ängste der Einsamkeit, das Fragile der Nähe. Dass Gundula Schulze Eldowy in den ersten Jahren ihres Lebens in Berlin offensichtlich ihre Maximen fundamentiert, ist so nachvollziehbar wie einschränkend. Sie legt sich fest, schließt aus. Nimmt manches bewusst nicht wahr, anderes umso fokussierter.
„Als Fotografin frage ich mich, woher das Sehen kommt, woher das Reale kommt. Letztendlich sehen wir nicht das, was wir zu sehen meinen, sondern was wir zu sehen glauben. Daraus ziehe ich den Schluss, dass das Sehen aus dem Inneren kommt. Äußeres und inneres sind oft nicht zu unterscheiden.“
So reist die Fotografin mehrmals nach Braunsdorf in Thüringen, dem „Alten Schweden“, einer ziemlich verkrachten und abenteuerlichen Existenz auf der Spur. Dass der hünenhafte Pfarrer ebenjenes Dorfes mit den langen Haaren, bei dem sie sich einmal ausweint, der berühmte Walter Schilling war, Erfinder der Offenen Jugendarbeit der evangelischen Kirche in Thüringen und damit Schutzgeber für hunderte Andersdenkende seit dem Ende der sechziger Jahre, ist ihr nicht bewusst. Sie hört dem alten Schweden zu, kringelt sich vor Lachen oder denkt über Bilder nach.
„Bilder sind von fundamentaler Bedeutung, denn mit der Einbildungskraft hat es etwas Besonderes auf sich. Bil ist das germanische Stammwort, auf das Worte wie „Bild, Gebilde, bilden“ zurückgehen. Es bedeutet „Wunderkraft, Wunderzeichen.“ Es steht in unmittelbaren Zusammenhang zum kreativen, zum weiblichen, zum dunklen Schoss, zum Geborenwerden, zum Ans-Licht-Kommen, zur Sehnsucht des Herzens, kurzum zu jenen Kräften, die bilden.“
Viele Statements der 1954 in Erfurt geborenen und heute in Berlin und Peru lebenden Künstlerin wirken beinahe buddhistisch, durchdrungen von universalen Fragestellungen und individuell erkannten Lösungen, die nicht jeder Leser nachvollziehen können wird. Streitbar waren ihre Bilder seit jeher, die direkte und schonungslose Annäherung an ihre fotografierten Gegenüber entbehrten mitunter nicht der kalkulierten Fehldeutung. So landete eines ihrer Bilder, das einen kostümierten Punk mit Spielzeuggewehr zeigt, nach den 89‘ Umbrüchen unter der Überschrift „Der neue Weg der Republikaner“ in einer Zeitung - eine absurde Interpretation in einer wirren Zeit. Schonungslosigkeit war auch den Vorbildern der Fotografin eigen, die sich früh nach Amerika orientierte, Diane Arbus und Robert Frank waren ihr geistige und tatsächliche Mentoren. Karikaturen gleich schlitterten manche Bilder am Rande des Grotesken, des Unaussprechbaren. Auch die Prosa bietet die Verwirrung, Zuschreibung oder Abgrenzung eines äußerst eigenwilligen Menschen, der sein Leben lang auf Eindeutigkeit verzichtet.
Sie hat sich lange rar gemacht, nun schlägt sie pauken- und trompetenlaut in ihrer alten Wahlheimat auf, herzlich Willkommen in Berlin, Gundula Schulze Eldowy! Dem Verlag sei gedankt für die erstmalige aufwendige wie umfassende Werkschau einer großen Künstlerin. Ein letztes Zitat ihres Textbandes sei angefügt, und schlussendlich auf die Ausstellung in Berlin hingewiesen.
„Es fällt mir schwer, das Leben zu akzeptieren, wie es ist. Bin ich hier, sehne ich mich nach dort. Bin ich dort, sehne ich mich nach hier. Habe ich ein Ziel erreicht, sterbe ich…“

17. 1. 2012

Ausstellung „Gundula Schulze Eldowy – Die frühen Jahre / The early years“, Fotografien 1977 bis 1990, 10. Dezember 2011 bis 26. Februar 2012 im C/O Berlin

Gundula Schulze Eldowy, Am fortgewehten Ort, Berliner Geschichten, 245 S., Lehmstedt Verlag, Leipzig 2011, 24,90 Euro
Gundula Schulze Eldowy, Der große und der kleine Schritt, Fotografien 1982-1990, Dtsch/ Engl. 144 S. 81 ganz- und doppelseitigen fb. Abb. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2011, 29, 90 Euro (Der letzterwähnte Bildband hat zur Rezension noch nicht vorgelegen)

Siehe auch Rezension Marc Peschke.

Empfehlung der Redaktion:
Anne Hahn ist Autorin des Romans "Dreizehn Sommer" erschienen bei Schirmer Graf, München 2005. ISBN 3-86555-016-9. Anne Hahn erzählt spannend und aufschlussreich die Geschichte dreier junger Frauen in den letzten 13 Jahren der DDR. Im Handel ist der Titel vergriffen, jedoch noch antiquarisch auf dem Markt.

17.01.2012
Anne Hahn
Schulze Eldowy, Gundula. Berlin in einer Hundenacht /Berlin on a Dog's Night. Fotografien /Photographs 1977-1990. Engl.; Deutsch. 248 S. 160 Foto(s), duotone. 27 x 24 cm. Gb. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2011. EUR 29,90. CHF 52,90
ISBN 978-3-942473-15-6
 
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