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Ferner Osten - Die letzten Jahre der DDR - Fotografien 1986-1990

Der Vergessenheit entrissen - ein betörendes Farbenspektakel von Harald Hauswald


„als wĂ€r seither noch keine zeit vergangen/ faulen im salpeterweiß die selben wĂ€nde/ und in den winkeln wie seit ewigkeiten hangen/ die vagen spinnen noch an ihrer fĂ€den ende.“


Lautet die erste Strophe eines Gedichtes von Wolfgang Hilbig. An den Titel dieses Gedichtes fĂŒhlt sich der Betrachter erinnert, wenn er den Bildband „Ferner Osten, die letzten Jahre der DDR“ in die Hand nimmt. Unter „fragwĂŒrdige rĂŒckkehr“ beschrieb Hilbig das Wiederbetreten einer verlassenen Fabrik irgendwo bei Leipzig, und fragwĂŒrdig könnte sich das Wiederbeleben komplexer visueller Erinnerungen an die letzten Jahre der DDR gestalten. Farbe birgt GefĂ€lligkeit. Nicht bei Harald Hauswald. Fernab jeder Ostalgie gilt er als wichtiger Chronist ostdeutschen Alltags. Ein ruheloser wie furchtfreier Indianer, der ĂŒberall dabei war, sich anschlich und abdrĂŒckte. In der Subkultur war er zu Hause, seine AusflĂŒge galten MassenauflĂ€ufen, Pressefesten und FDJ-Treffen. Dem legendĂ€ren Havelberger Pferdemarkt oder dem Lausitzer Osterreiten. Hauswald ist bekannt fĂŒr seine schwarz/weiß Aufnahmen, dass er seit 1985 zweigleisig auch in Farbe fotografierte, ist eine glĂŒckliche Überraschung!
Beim DurchblĂ€ttern des großformatigen Kataloges fallen wunderbaren Straßenszenen auf, zur Ewigkeit geronnene Momentaufnahmen der Stadtbewohner. Eindringlich vor allem die Alten, die gruppenweise das Stadtbild bevölkern. Zum Beispiel auf Seite 41. „Eisern Union“ ist in dĂŒnner schwarzer Schrift auf zwei grauen Verteilerkasten zu lesen, davor stehen zwei HolzbĂ€nke. Zwischen ihnen ist vielleicht ein Meter Platz, beide BĂ€nke sind dicht besetzt. Jeweils vier Ältere sitzen auf einer Bank, links außen und rechts außen zwei MĂ€nner, zur Mitte hin je zwei Frauen. Eine zufĂ€llige Symmetrie. Zwei Frauen und ein Mann schauen auf den Boden, zwei Frauen und ein Mann in die Kamera. Der Mann rechts außen blickt seitlich weg, der links außen blinzelt oder hat die Augen geschlossen. Die alten Leute wirken erschöpft, wie hingegossen auf die BĂ€nke, nur ein Mann und eine Frau haben die Beine ĂŒberschlagen. Sitzen entspannt. Die MĂ€nner tragen AnzĂŒge, grau bis schwarz. Die Frauen KittelschĂŒrze oder Mantel, eine ein hellgestreiftes Sakko. Drei Frauen halten Handtaschen in den HĂ€nden bzw. auf dem Schoß, die legere im Sakko hat einen blauen Beutel neben sich stehen. Nur eine Frau benötigt einen Stock, den sie nicht weggestellt hat. Drei paar weißer Damenschuhe, ein paar hellgraue Herrenschuhe, die anderen braun. Ein rotes Herrenhemd, ein hellblaues. Im Hintergrund auf der anderen Straßenseite sind ganz klein Menschen in Bewegung zu erkennen, rote Tupfer, weiß, hellblau. Die Haare der aufgeweckten Ă€lteren Dame mit ĂŒberschlagenen Beinen, die ĂŒbrigens einen gelb-braunen Marmorkuchen auf dem linken Handteller hĂ€lt, sind rötlich gefĂ€rbt. Mit einem Stich ins orangefarbene. Wie der Ton ihrer Strickweste, die sie unter dem Sakko trĂ€gt. Das Bild enthĂ€lt eine Vielfalt, die erst durch ihre Farbigkeit ins poetische driftet. Acht Geschichten, acht Möglichkeiten, einen wolkenverhangenen Tag im Prenzlauer Berg der achtziger Jahre fortzuleben.
Die Alten kehren wieder. Beim Hoffest im Hirschhof der Oderberger Straße taucht die Dame mit Stock und Brille auf, statt KittelschĂŒrze trĂ€gt sie zur Feier ein grĂŒn-geblĂŒmtes Kleid unter blauem Sommermantel, den Stock hat sie ihren Stuhl gelehnt. Einige Seiten weiter glaubt der Betrachter, in einer langen Schlange vor der Fleischerei Duft in der Oderberger Straße einen der alten MĂ€nner zu erkennen, und hier, bei der Tanzveranstaltung im Pratergarten, da drehen doch zwei der Damen miteinander einen Walzer, wĂ€hrend neben ihnen junge Frauen die Arme schwingen. Es ist passiert. Die Farbwelt des Harald Hauswalds infiziert, polarisiert. Verzaubert. Man liebt sie oder lĂ€sst sie nicht geschehen.
Nicht alles ist unwiederbringlich vorbei. Auch diesen Sommer werden sonnengegerbte Fischer in den HĂ€fen Hiddensees auf das Stadtvolk schauen, etwas skeptisch, etwas spöttisch. Liegen Boote im Dunst manch eines wolkenverhangenen Sonnenuntergangs. Der Pferdemarkt in Havelberg lockt weiterhin an jedem ersten Septemberwochenende tausende Besucher an, die handeln, lachen und trinken. Leider ist das grau/braun/ockerfarbene Fachwerk-Viertel in Halberstadt verloren, Berlins Altbauten sind keine abblĂ€tternden Ruinen mehr. Die 1. Mai-Demo und die Pfingsttreffen der FDJ finden nicht mehr statt. Zum GlĂŒck.
170 Seiten Farbfotografie. Eine Auswahl aus 4000 Aufnahmen, die sich, selbst fĂŒr den gelernten Fotografen ĂŒberraschend, nach 25 Jahren in seinem Archiv fanden. Möglich wurden sie durch das Hamburger Magazin GEO, das ihn ab 1985 ausreichend mit Farbfilmen von Kodak versorgte und deren Entwicklung im Westen organisierte (in der DDR gab es nur ein einziges, ĂŒberwachtes Farb-Entwicklungslabor). Mathias Bertram, der die hervorragende Fotografie-Reihe „Bilder und Zeiten“ im Leipziger Lehmstedt Verlag verantwortet, beschreibt in der Nachbemerkung des Herausgebers die Auffindung der vorliegenden Bilder und deren Entstehungsgeschichte. Viele der Serien wurden nie veröffentlicht. Er sei selbst ĂŒberrascht gewesen von manchen Aufnahmen, erzĂ€hlte der 1954 in Radebeul Geborene kĂŒrzlich dem MDR und man glaubt es sofort. Harald Hauswald ist dafĂŒr bekannt, die unĂŒberschaubare Zahl seiner noch unentwickelten Filmrollen, Archivkisten und Kasten selbst wie ein Mysterium zu betrachten. So bleibt zu hoffen, dass noch einiges dem Vergessen entrissen werden kann. Wir sind gespannt!

27.04.2013
Anne Hahn - Berlin
Hauswald, Harald. Ferner Osten. Die letzten Jahre der DDR. Fotografien 1986-1990. Hrsg.: Bertram, Mathias. 176 S. 27 x 24 cm. Gb. Lehmstedt, Leipzig 2013. EUR 29,90. CHF 39,90
ISBN 978-3-942473-50-7
 
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