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Boris Becker – Staged Confusion

Die Welt zeigt sich anders.

„Aufgabe von Kunst heute“, so schreibt Theodor W. Adorno 1951 in „Minima Moralia“, „ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen.“ Es ist der klassische Anspruch der Avantgarde: Kunst soll ein Stachel im Fleisch der etablierten Ordnung sein. Sie soll verunsichern, die Ordnung stören, Sehgewohnheiten und politisches Handeln hinterfragen. Die Ordnung – beziehungsweise die Unordnung – ist auch heute noch ein prominentes Thema der Bildenden Kunst. Ihr Verhältnis, ihr Mit- und Gegeneinander, kann man sogar als grundlegend für den künstlerischen Prozess überhaupt begreifen.
So fragte etwa jüngst die Ausstellung „dis order“ im Museum Folkwang nach jenem Verhältnis. Natürlich waren in dieser Schau auch Werke von Andreas Gursky zu sehen, in dessen Arbeit die Ordnungsmechanismen der Geometrie eine grundlegende Rolle spielen. Ein anderer Fotokünstler, dessen Werk immer wieder um das Thema der Ordnung und Unordnung kreist, ist der 1961 in Köln geborene Boris Becker, Meisterschüler von Bernd Becher.
Die Ordnung, die Becker fotografiert, das zeigt uns ein soeben bei Wienand erschienenes Buch, stellt sich interessanterweise erst durch den Akt des Fotografierens ein. Das Chaos, das Becker in Küchen, in Archiven, in Werkstätten, Möbellagern oder Dächern findet, scheint in der Fotografie geradezu domestiziert, für das Auge aufbereitet. „Staged Confusion“ heißt so auch der Band, der eine Einzelausstellung im LVR-LandesMuseum begleitet, die noch bis zum 20. März zu sehen war..
Auch wenn die in dem Buch vorgestellten Arbeiten als Einzelbilder angelegt sind, so fügen sie sich doch zu einer Serie zusammen. Wir sehen hier eine Werkgruppe, die auf schöne Art Verwirrung stiftet, weil die ordnende Kraft der Fotografie sich der Unordnung der Bildmotive beinahe störrisch entgegenstellt.
Bilder von Baustellen, eine Dachlandschaft Aleppos, ein Nähatelier – oder ein All Over aus Post-it-Klebezetteln (das Buchcover): alle diese Bilder führen uns noch einmal vor Augen, was Fotografie in ihren besten Momenten immer wieder vermag: nämlich die Wirklichkeit zu transformieren. Scheinbar Alltägliches bekommt unter der fotografischen Ägide Beckers eine poetische Tiefe, wie etwa jener im Jahr 2012 entstandene Blick in eine Küche, „Grünwald“: Das Leben als Ganzes scheint uns hier vor Augen zu stehen.
Oder „Strickmuster“ aus dem Jahr 2006: Nicht mehr als eine Decke und einen gefalteten Pullover zeigt Becker hier. Man kann kaum weniger fotografieren. Beim Betrachten dieser Fotografie kommt uns Hans Finsler in den Sinn, der sich stets die Frage stellte: „Sieht die Fotografie anders als das Auge?“ In Boris Beckers mal zeichenhaft abstrakten, dann opulent-bunten Fotografien zeigt sich die Welt tatsächlich anders als wir sie oft sehen: wohl nicht geordneter, aber doch bedeutsamer.

29.03.2016
Marc Peschke
Staged Confusion. Becker, Boris. Beitr.: Goodrow, Gérard A. Dtsch; Engl. 80 S. 24 x 28 cm. Gb. Sieveking Verlag, München 2016. EUR 29,90
ISBN 978-3-944874-41-8
 
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