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Mit der Kamera bewaffnet. Krieg und Fotografie

Die Bilder, die unsere Vorstellungen von vergangenen Kriegen prägen, zeigen zumeist Soldaten, die jubelnd ins Feld ziehen oder erschöpft durch den Schlamm waten, verwundet im Lazarett ausharren oder abgemagert aus der Gefangenschaft heimkehren. Sie berichten zudem von Waffen und Ruinen, von abgeschossenen Flugzeugen und Granattrichtern, die aus der Luft zu sehen sind. Die meisten Aufnahmen stammen aus den vom Militär hinterlassenen Beständen, und viele wurden bereits seinerzeit von der Zensur zur Veröffentlichung freigegeben. Doch der Krieg besteht nicht nur aus Kampf, sondern auch aus Propaganda in den Medien, Alltag im Hinterland, Versorgungsmängeln und Kindern ohne Väter. Kriege finden zudem nicht nur an der Front statt, sondern auch in den Werkhallen der Industrie, den Straßen der Städte, den Wohnstuben der Familien. Und nicht allein Kriegsberichterstatter sind mit der Kamera unterwegs, sondern ebenso knipsende Soldaten, wenn sie beispielsweise an Exekutionen teilnehmen, oder Frauen, um den Ehemännern wieder einmal fotografische Grüße von der Familie zu senden, oder Fotografen, die für Verlage und Firmen tätig sind.
Auf diese anderen Schauplätze der Kriege will der vorliegende Band aufmerksam machen, und auf die Bilder, die den meisten nicht ohne weiteres zugänglich sind. Der Bogen ist weit gespannt und reicht von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg und die nachfolgenden Dekaden. Der große Zeitraum mit einem sich wandelnden Gebrauch des Mediums schließt eine auch nur annähernd komplexe Analyse von Kriegsfotografien aus und erlaubt nicht mehr als die exemplarische Betrachtung einzelner Phänomene. Diese aber berühren in der Mehrzahl Themen, die bislang von der Wissenschaft nicht oder nur marginal behandelt worden sind. Dazu gehören die „Lichtbilder in den deutschen Einigungskriegen“ von 1864 bis 1871, anhand derer Frank Becker den „einfachen Soldaten“ ebenso sucht wie die Produzenten der Aufnahmen. Katharina Menzel beleuchtet die „Frauenarbeit in der Fotopropaganda des Ersten und Zweiten Weltkriegs“. Petra Bopp hat sich die „private[n] Fotografien von Wehrmachtssoldaten“ vorgenommen, und Bernd Boll verfolgt deren Weg in die Familienalben, auf den Fotomarkt und in die öffentlichen Sammlungen. Anton Holzer zeigt auf, wie der „U-Boot-Krieg als deutsche Heldengeschichte“ von Lothar-Günther Buchheim und anderen nach 1945 inszeniert wurde. Und Daniel Uziel sichtet die Fotografien von Auschwitz, die von der amerikanischen Luftaufklärung in den Jahren 1944/45 angefertigt worden sind, wobei vornehmlich die Produktionsstätten auf dem Gelände interessiert haben und die Baracken und Krematorien des Konzentrationslagers gewissermaßen nebenbei ins Bild gerutscht waren.
Zusammengestellt wurde die Anthologie von Anton Holzer, der die Zeitschrift Fotogeschichte herausgibt und sich bereits 2002 mit einem umfangreichen Themenheft „Krieg und Fotografie“ als kenntnisreicher Historiker ausgezeichnet hat. Indem er auf die zahlreichen unerforschten Felder hinweist, erfährt unser Bild vom Krieg einige nachhaltige Korrekturen und wertvolle Ergänzungen.

Timm Starl
Mit der Kamera bewaffnet. Krieg und Fotografie. Hrsg. Anton Holzer. 160 S., 100 Abb., 24 cm, Gb., Jonas, Marburg 2003. EUR 25,-
ISBN 3-89445-324-9
 
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