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Zur Geschichte und Theorie der Fotografie

AnlĂ€sslich des 60. Geburtstags von Wolfgang Kemp veröffentlicht der Verlag Schirmer/Mosel dessen „Foto Essays“ in einer Neuauflage. ErgĂ€nzt wird die Edition, bestehend aus drei Essays, mit einem 2006 geschriebenen Aufsatz mit dem Titel „Der Sonnenhut des Heliographen“. Der renommierte Kunsthistoriker betrachtet seine Geschichte und Theorie der Fotografie der 70er Jahre in der RĂŒckschau und fĂŒgt ihr neue Aspekte hinzu.
Das 1978 erstmals erschienene Werk hatte der Geschichtsschreibung der Fotografie eine völlig neue Richtung gegeben. Im BemĂŒhen um eine eigene Lesart ordnet Kemp in seinen ersten beiden Essays die Fotografie auf exemplarische Weise den Kriterien QualitĂ€t, QuantitĂ€t und Perspektive unter. Den dritten Essay widmet Kemp „Bildern des Verfalls“ und stellt Fotografien, die den Verfall abbilden, in die Tradition des Pittoresken in der Malerei. Hierbei unterscheidet der Autor vier Kategorien.
Mit seiner Vorgehensweise nÀhert sich Wolfgang Kemp einer Definition und Interpretation des Mediums, ohne sich der etablierten historiographischen Methodik, die ein Medium nach Personen und Epochen gliedert, zu bedienen.
Seine stichhaltige Untersuchung ausgewĂ€hlter Fragestellungen und themenbezogener Exkurse veranschaulicht Wolfgang Kemp anhand bekannter und verkannter Bildbeispiele und manche Bilder fungieren ĂŒber ihre exemplarische Funktion hinaus selbst als Argumente.
Besonders wertvoll hierbei sind seine permanenten BezĂŒge und Vergleiche zur Malerei, welche stets als großes Gespenst hinter der Fotografie standen oder mit Roland Barthes gesprochen „[...](die Photographie) hat die Malerei, indem sie diese kopierte oder in Frage stellte, zur absoluten, zur vĂ€terlichen REFERENZ gemacht [...]“(Aus: Die helle Kammer).
Mit ErklĂ€rungen zur Zeitgeschichte, Beleuchtung gesellschaftlicher EinflĂŒsse, BezĂŒgen zu zeitaktuellen Diskussionen und Wahrnehmungslehren ausgewĂ€hlter Fotografen umkreist Wolfgang Kemp das Medium global und verfolgt es bis zu den RĂ€ndern von PhĂ€nomenen.
Der vierte und neue Essay kristallisiert die Vorangehenden. Kemp resĂŒmiert aus der RĂŒckschau des Jahres 2006 Rezeption und Wirkung der Erstauflage und bilanziert die Diskussion zur Geschichte und Theorie der Fotografie seit den spĂ€ten 70er Jahren. Seine Relevanz begrĂŒndet sich u.a. in dieser Positionierung der „Foto-Essays“ in der Kunstgeschichte.
Kemp thematisiert die Schwierigkeit, die Fotografie im Spannungsfeld von Kunst- und Mediengeschichte zu verorten, ebenso wie ihre Position zur Postmoderne-Diskussion, Poststrukturalismus, Autorschaft und Kanonisierung.
Abschließend widmet sich Kemp einer eingehenden Untersuchung ausgewĂ€hlter Fotografien des Hippolyte Bayard (1801-1887), dem verkannten Wegbereiter des Mediums, welcher mit der Erfindung der Papierfotografie 1851 der kĂŒnstlerischen Fotografie den Durchbruch ermöglichte. Der Leser wird ĂŒber die mĂ€chtigen Kontexte im Umfeld des Erfinders aufgeklĂ€rt, einem BĂŒndnis aus Staat, Akademie und Naturwissenschaft, welches ihn als Anwender der Fotografie ausschloss und ihm jegliche AnsprĂŒche auf Urheberschaft absprach. Bayard, mit seiner Doppelexistenz als Erfinder und als erster KĂŒnstler der Fotografie, kontert mit einer Gegenstrategie – er hinterlĂ€sst uns inszenierte Fotografien und verweist auf sich und seine Auferstehung.
17.11.2006
Kristine Preuß
Kemp, Wolfgang: Foto-Essays. Zur Geschichte und Theorie der Fotografie. 144 S., 40 Abb. 19 x 12 cm. Schirmer Mosel, MĂŒnchen 2006. Pb EUR 19,80
ISBN 3-8296-0240-5
 
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