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Eine andere Welt: Erinnerung an das Hildesheimer „be bop“

„Wir (Candido De Bona, 24 J., Kurt-Martin Leiding, 20 J., Peter Höcker, 24 J.) hatten da so eine Idee; denn wir langweilten uns in Hildesheim fürchterlich. Wir sind etliche Kilometer gefahren, mit dem Ziel, etwas Neues zu erleben. Meistens blieb es beim Fahr'n, Fahr'n, Fahrn.“ Sätze, schnell in eine Schreibmaschine getippt, für das erste Monatsprogramm. Sätze, die den Anfang markierten: den Anfang der langen Geschichte des „be bop“. Discothek, Musik-Club und Teestube auf der Wilhelmshöhe am Stadtrand von Hildesheim. Und auch den Anfang eines Fotobuchs, das jetzt, lange Jahre nach Schließung des be bop, erschienen ist.

Die Fotografen Brigitte Tast und Hans-Jürgen Tast - damals Filmstudenten an der Braunschweiger Kunsthochschule und eng mit den Machern befreundet - waren von Anfang an dabei, halfen bei der Gestaltung des Programms - und haben jetzt ihr fotografisches Archiv durchforstet: Gefunden haben sie Bilder, die bei den vielen Konzerten im 'be bop' in den siebziger und achtziger Jahren entstanden sind. Schwarzweiß-Bilder von magischen Momenten, die sie zusammen mit Erinnerungstexten von Gästen und Machern zu einer Collage geformt haben, die von herausfordernder Intensität ist.

Was das Buch zu e:twas Besonderem macht, ist das starke Gefühl beim Betrachten, hier tatsächlich Einblick in die spannendste, wichtigste Lebenszeit der Beteiligten zu gewinnen: Die Diskothek zeigt sich hier als utopischer Ort, als ein aufregendes Versprechen. Ein Raum, weit über der Stadt, 1976 ins Leben gepustet, an dem vieles, alles passieren kann, der sich stetig verändert - und der die verändert, die hier sind. Ein Ort, der heute Vergangenheit ist: „Das wird es nie wieder geben“, sagt Candido De Bona heute, “das hat zu viel Energie für einen Menschen gekostet. Ich werde nie wieder in der Lage sein, so was Perfektes und Geiles auf die Beine zu stellen.“

„Für mich gibt es nicht die 'be bop'-Geschichte“, sagt eine Besucherin. „Das 'be bop' ist Teil meiner Geschichte.“ Und man blättert fasziniert in dem Band, erkennt einige damals bekannte Post-Hippie-New-Wave-Jazz-Rock-Bands und Musiker, die hier zu Gast waren wie der Holländer Herman Brood, The Nits, Mythen in Tüten oder Unknown Gender - noch stärker aber sind die Bilder der unbekannten Gäste. Das Pärchen etwa, dass sich innig umarmt, während die anderen auf die Bühne blicken. Die beiden haben keine Augen für das, was dort passiert.

Oder der junge Mann am Tresen, der auf sein neues Bier wartet, im Hintergrund die schmutzige Wand mit Konzertplakaten und Aufklebern. Nichts geschieht in diesen Sekunden, doch glauben wir (das macht die Qualität dieser Bilder aus) einem ganz besonderen Moment beizuwohnen: In vielen Fotografien steckt die Leidenschaft des Gedankens, dass eine andere Welt möglich ist. „Was würd' ich dafür geben, im 'Time-Tunnel' einen einzigen 'be bop'-Abend noch einmal durchtanzen zu dürfen“, so eine Besucherin.
8.8.2007
Marc Peschke
Tast, Brigitte /Tast, Hans J: be bop. Die Wilhelmshöhe rockt. Discos und Konzerte in der Hölle. 192 S. Gb. Gerstenberg, Hildesheim 2007. EUR 15,90
ISBN 978-3-8067-8589-0
 
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