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Deutsche Geschichte im Kinderzimmer

Tomi Ungerer erhielt 1998 den "Hans-Christian-Andersen-Preis", die höchste internationale Auszeichnung im Bereich Kinder- und Jugendliteratur. In der Begründung der Jury zur Verleihung heißt es: "Tomi Ungerer gilt als Gigant auf dem Gebiet der Kinderbuchillustration. Sein Stil ist gewagt, farbenfroh, innovativ, frech und einzigartig."
In seinem Bilderbuch »Otto«, das die Geschichte eines Teddybären erzählt, stellt er diese Einzigartigkeit erneut unter Beweis. Ein jüdischer Junge, David, sein bester Freund Oskar und Davids Teddybär Otto sind unzertrennlich und leben gemeinsam ein zunächst sorgloses Kinderleben im Deutschland der 30er Jahre. Die politischen Veränderungen unterbrechen jäh das Glück der Kinder. Alle drei verlieren sich aus den Augen. Erst viele Jahre später können sich die Jungen, nun als alte Herren in Amerika zusammen mit "Otto" in die Arme schließen.
Eine ergreifende Geschichte, die dazu anregt, über deutsche Vergangenheit und Gegenwart mit Kindern zu sprechen. Doch gerade weil das Buch sich an jüngere Kinder wendet, gibt es einige inhaltliche und zeichnerische Details, die mich stören. Otto wird in einer Kriegsszene durch eine Gewehrkugel getroffen und auch andere Kriegsbilder sind für sechsjährige kaum zu verarbeiten. Gegen Ende des Buches, als sich David und Oskar wiedertreffen, hängen Aktstudien im Zimmer. Schade, das ein so wichtiges und gut umgesetztes Thema dadurch in seiner Brillanz geschmälert wird.
Ein sehr ähnliches Thema wir auch bei "Elisabeth" wieder. Claire A. Nivola, Bildhauerin und Malerin erzählt die authentische Geschichte ihrer Mutter Ruth Guggenheim-Nivola und deren Puppe Elisabeth. Auch Ruth wächst behütet Anfang der 30er Jahre in Deutschland auf und erlebt mit ihrer Puppe und ihrem Hund Fiffi einen unbeschwerten Alltag, der ebenfalls wegen der politischen Verhältnisse unterbrochen wird. Nach zahlreichen Repressalien gegenüber der jüdischen Familie fliehen die Eltern mit Ruth und ihrer Schwester, aber beim plötzlichen Aufbruch bleibt die Puppe Elisabeth zurück. Der Weg führt die Familie über Italien nach Amerika, erst als erwachsene Frau gibt es ein Wiedersehen für Ruth und die Puppe Elisabeth.
Claire A. Nivola versteht es durch verhaltene Darstellung, eine dezente Farbigkeit und einen einfühlsamen Text einen Einblick in das Seelenleben des Kindes Ruth zu geben und die Puppe erhält für die Betrachter geradezu lebendige Züge. Jedes Bild ist von einer Art Foto-Rahmen umgeben, der den Blick des Betrachters nach innen in das Familienleben hineinzieht und läßt an eine Momentaufnahme denken. Kindern wird hier ohne grausame Bilder deutlich, was es heißt, das Liebste zurücklassen zu müssen. "Elisabeth" bietet Grundschulklassen und Familien die Möglichkeit, über solch traumatische Situationen zu sprechen. 2385
Anne Klemmer
Tomi Ungerer: Otto. Autobiographie eines Teddybären. 2000. 36 S., farb. Abb., 29 cm, HC, EUR 13,75
ISBN 3-257-00857-0
Nivola, Claire A: Elisabeth. Die wahre Geschichte einer Puppe. 32 S., 32 fb. Abb., HC, 1999, EUR 14,30
ISBN 3-7725-1794-3
 
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