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Hannah in Rembrandts Garten

Die Jahrhunderte haben den Werken des Malers, Zeichners und Radierers Rembrandt van Rijn (1606-1669) nichts von ihrer geheimnisvollen Anziehungskraft genommen. Dieser erlagen die Schriftstellerin Deborah Noyes und der Künstler Bagram Ibatoulline und legten mit dem Bilderbuch „Hannah in der Zeit der Tulpen“ eine imaginative Kunstgeschichtsschreibung vor, die dem Goldenen Zeitalter der holländischen Malerei auf der Spur ist. Dabei verknüpfen sie geschickt Kunst- mit Wirtschaftsgeschichte, denn die Binnengeschichte zur Kunstgeschichte handelt von der Familie eines kleinen, im bürgerlichen Milieu aufwachsenden Mädchens, Hannah, die in eine Finanzspekulation verwickelt ist. Diese erschütterte Holland 1637.
Das Objekt der Begierde waren Tulpen, die seit Mitte des 16. Jahrhunderts aus der Türkei nach Mitteleuropa gelangten. Holland, so in einer Anmerkung der Autorin am Ende des Buches, wurde „bald zum Zentrum der Tulpenzucht und des Tulpenhandels. Heute kaum vorstellbar, damals aber avancierten Tulpen zum Statussymbol der reichen niederländischen Kaufmannsschicht. Wie aus einem betriebswirtschaftlichen Lehrbuch verlief diese Spekulation der Jahre 1630 bis 1637. Wegen der sehr großen Angebotslücke zogen die Preise, zusätzlich durch Optionsgeschäfte angefeuert, rasch an und erreichten astronomische Höhen. Die Autorin gibt an, dass drei Tulpen ausreichten um ein Bürgerhaus in Amsterdam zu kaufen. Auch als Kreditsicherheit dienten sie und in diesem Geschäft, das alsbald alle gesellschaftlichen Schichten und erfasst hatte und hauptsächlich in Wirtshäusern abgewickelt wurde, engagierte sich auch der Vater von Hannah, der zuvor als Bilderhändler tätig war und Rembrandt zu seinen Freunden zählt.

Seit dieser Zeit werden traumhafte Anstiege von Börsenkursen auch als Tulpenfieber bezeichnet. Jenes der 1630er Jahre endete durch die eingetretene Nachfragelücke abrupt. Auf die Hausse folgte eine Baisse, die zu Beginn des Jahres 1637 einsetzte, als die Preise um über 95 Prozent nachgaben, so dass der Handel Anfang Februar ausgesetzt wurde. Besondere Wertschätzung erfuhren Tulpen mit geflammten Blütenblättern. Als Erinnerung an die Blütezeit der flämischen Malerei werden sie heute als Rembrandt-Tulpen bezeichnet. Eine Sorte davon, die sehr selten vorkommt, trägt den Namen „Semper Augustus“. Die Geschichte im Bilderbuch setzt ein, als die Spekulation mit Tulpen platzt und der Vater von finanziellen Sorgen geplagt ist, die Hannah nicht verborgen bleiben. Die prekäre Lage der Familie spitzt sich gegen Mitte der Geschichte, als der Tulpenhandel zusammenbricht, zu. Die Autorin versteht es geschickt, Rembrandt und die Malerei ins Spiel zu bringen und lässt Hannah zu Palette, Pinsel und Farben, die Rembrandt für seine Schülerin selbst angeschmischt, hat, greifen. Hannah möchte jene „Semper Augustus“, die in Vaters Garten wächst und als Bild über ihrem Bett hängt, malen, um mit dem Verkauf ihres Gemäldes zum Haushaltseinkommen beizutragen. Doch wo kein Markt für Tulpen ist, geht auch die Nachfrage nach Abbildern von Tulpen, die auch für die erscheinenden Blumenverkaufskataloge gebraucht wurden, zurück. So erklärt der Vater Hannah, dass sie zwar ein schönes Bild gemalt habe auf das Rembrandt „stolz“ sein könne, eine Hilfe sei es jedoch nicht.

Das Bilderbuch ist vielschichtig angelegt. So erinnert das Bild der „Semper Augustus“ über Hannahs Bett an die flämische Blumenmalerei, mit der Geschichte von Hannah, die unbedingt Malerin werden möchte, spielt die Autorin auf den Eigensinn und von Kunst und Künstler und auf deren Bedeutung jenseits aller Marktgängigkeit an. Über Rembrandt erfährt man, dass er das Genre der Blumenmalerei anderen Künstlern seiner Zeit überlassen hat und dass es auf genaues Sehen ankomme und dies erlernt werden müsse und könne. Ganz dem Stil jener Zeit verpflichtet, setzte der Künstler Ibatoulline die Geschichte kongenial ins Bild.

Die Tulpen jener Zeit waren so kostbar wie Gold und Golden schimmert es auch in der Kunstgeschichtsschreibung beim „Goldenen Zeitalter“ der holländischen Malerei. Das Duo Noyes / Ibatoulline erlag nicht der Versuchung, diese Zeit, die auch ihre Schattenseiten hatte, nachträglich zu vergolden, sie aber dafür glänzend in Bild und Text übersetzten. Sieht man es symbolisch, so verweisen die von Hannah gepflückten Gänseblümchen, die nichts „vom eitlen Glanz der Tulpen“ haben, auf eine „neue Bescheidenheit“, die auf alle vom Tulpenwahn Geschädigten zukommt. Sie verweisen aber auch auf Rembrandt selbst, der durch seine Tulpenkontrakte sein Vermögen verlor und verarmt starb.
4.5.2009
Sigrid Gaisreiter
Noyes, Deborah: Hannah in der Zeit der Tulpen. Ill. v. Ibatoulline, Bagram. Übers. v. Stuart, Nicola. 32 S., durchg.fb. 26 x 28 cm. Jacoby & Stuart, Berlin 2009. Gb EUR 14,95
ISBN 978-3-941087-35-4
 
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