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Kalkül und Form in den Künsten

Als retrospektiver Beitrag zur Erforschung der künstlerischen Moderne ist eine Ausstellung angelegt, die die geistige Seite als Forschungsfeld der Künste präsentiert. Unter dem Titel „Notation. Kalkül und Form in den Künsten“ war die Ausstellung im Sommer 2009 in der Berliner Akademie der Künste und im Zentrum für Kunst- und Medientechnologie ZKM in Karlsruhe zu sehen. Dokumentiert wurde das medienarchäologische Projekt in einem umfangreichen Katalog.

Auftakt

Da in Ausstellungen meist nur fertige Werke präsentiert werden, ist das Ausstellungskonzept, sich Konzept und Entwurf zu widmen, eine neue Perspektive auf den künstlerischen Herstellungsprozess. Niedergelegt werden Ideen durch Schreiben und Zeichnen eines Entwurfs. Diesen Raum primärer Formation gilt es als ein Feld zu vermessen, in dem Wissen, Kunst anfängt. Und es ist ein Raum, der durch materielle Umstände, prozessuale Logiken, ikonische Repertoires, Codes und Grammatiken, gekennzeichnet ist, mit denen etwas bewerkstelligt wird. Mit dem Begriff Notation als gemeinsamem Nenner für alle Kunstgattungen gelang es den Kuratoren, Hubertus von Amelunxen, Dieter Appelt und Peter Weibel ein weites Feld zu bearbeiten, in dem Aufzeichnung (Notation), in der auf klassische Weise Reihenfolgen festgelegt werden, als wesentlicher Akt schöpferischer Prozesse verstanden wird. Diese wird dann in Beziehung zum Werk gesetzt. In vergleichender Perspektive wurden mehr als 500 Entwürfe und Werke von 94 Künstlern gattungsübergreifend zueinander in Beziehung gesetzt. Der Fundus ist enorm, es gibt Wiederbegegnungen, so mit Walter Benjamins umfangreichen Notizen zu seinen Materialsammlungen, die er für eine zu schreibende Geschichte der Moderne anlegte. Die Akademie der Künste in Berlin zeigte 2007 unter dem Titel „Walter Benjamins Archive“ diese Schätze. Auch wiederbegegnen kann man Robert Walsers Mikrogrammen, die erst in jüngster Zeit entschlüsselt werden konnten. Als offen nach allen Seiten kommen in dieser Ausstellung Notate und Zeichensysteme aus den Bereichen Musik (John Cage, Edgar Varèse), Architektur (Peter Eisenmann), Theater (Antonin Artaud), Bildende Kunst (Paul Klee, Hanne Darboven, Cy Twombly), Tanz (Merce Cunningham) Fotografie (Jakob Mattner) miteinander ins Gespräch.

Springende Gedanken

Im Durchgang durch die Künste seit 1900 werden mediale Austauschprozesse in und zwischen verschiedenen Kunstgattungen sichtbar. So wandert Schrift, wie bei Cy Twombly, in bildende Kunst ein. Partituren können graphische Elemente enthalten oder sind komplett graphisch, wie bei Bruno Maderna, aufgebaut. Ein schönes Beispiel einer photographischen (Musik)Notation findet sich im Katalog in der Visualisierung des Musikstücks „Transición“ von Maurico Kagel. Der Wanderungsbewegungen gibt es viele und es sind dabei aufregende Entdeckungen möglich. Gezeigt werden z.B. Textbücher (Theater), Storyboards (Film), Zeichnungen von Architekten oder der gezeichnete Bauplan eines belletristischen Werkes von Hubert Fichte. In einem Längsschnitt werden auch mediale Entwicklungen in den Kunstgattungen selbst angesprochen. So unterlag die Partitur, ausgehend von einem Liniensystem, ebenso wie andere Aufzeichnungsmedien einem Wandel. Notationen leisten dabei ein Dreifaches. Sie ist nicht nur eine Zeichnung, sondern ein Zeichensystem, das als Aufzeichnungs- oder Anweisungsmedium (Handlungsanweisung z.B. für Interpreten) fungiert. Notation wird behandelt als ein künstlerisches Verfahren, eine Arbeitstechnik. Notation bedeutet Verzeitlichung und Prozessualisierung von Kunstwerken.

Lesarten

Viele Ausgangspunkte in Ausstellung und Katalog sind möglich. Die Herausgeber entschieden sich für einen, aus fünf Sektionen und 23 Textbeiträgen bestehenden, Rundgang, auf dem jeweils unterschiedliche Aspekte des Gesamtvorhabens angesteuert werden. Ausstellung und Katalog verstehen sich als Werkstatt, eine Sammlung, die nach dem Prinzip eines Puzzles aufgebaut ist. John Cages Motto: Was ich suche, ist das Öffnen von allem, was möglich ist und für alles, was möglich ist“ benennt sehr schön Struktur von Ausstellung und Katalog. Das zeigt sich auch daran, dass in den Textbeiträgen unterschiedliche Begriffe von Notation verwendet werden. Es stehen viele Fragen im Raum: 1) Funktion und Form von Aufzeichnungsmedien, 2) verschiedene Arbeitstechniken der Künstler, 3) die Stellung des Rezipienten, 4) die Befragung nach System, Struktur und Logik von Bildern und Zeichen, 5) historische Veränderungen von Formfindungsprozessen mit unterschiedlichen Aufzeichnungsmöglichkeiten, die sich mit Aufkommen der Maschinen enorm vervielfältigten, 6) Wahrnehmungsformen und 7) das Verhältnis von Idee und Werk. Geschickt wurde das Thema untertitelt, da jede der fünf Sektionen mit einem „Cahier“ (Notizheft) eingeleitet wird und der Rezipient aufgefordert wird, selbst aktiv an der Ausstellung mitzuschreiben. Ein reales Notizheft empfiehlt sich allemal, da dieses Aufsuchen morphischer Resonanzen Notation in den Facetten, Anweisung zum Spiel, als Mittel der Kommunikation oder als autonomes Kunstwerk vorgestellt wird. Ein Teilstück des Puzzles liefert der Beiträger Laurend Mannoni erst auf Seite 325, als er auf zwei Typen graphischer Darstellung zu sprechen kommt, die sich vom 14. bis 18. Jahrhundert her-ausgebildet haben und noch heute gebräuchlich sind. Zur „realistischen“ Darstellung, bei der ein „im Ablauf befindliches Phänomen unmittelbar auf einen Aufzeichnungsapparat“ einwirkt, gesellt sich eine „theoretische“ Darstellung, die auf „visuellen, statistischen oder mathematischen Daten“ beruht.

Visuell zuhören

Das von Friedrich Kittler forcierte Unternehmen „Aufschreibesysteme“ stand bei dieser Ausstellung Pate. Die Ausstellungsmacher gingen jedoch weit darüber hinaus und es gelang ihnen, in Text und Bild, eine medienhistorische tour d’horizon im Cinemascope-Format. Mediengeschichte wird jedoch auch an anderer Stelle betrieben. Zu denken ist dabei an die Präsentation von Noten als visuelle Kunstwerke im, von Theresa Sauer verantworteten, Katalog „Notations“ (Thames & Hudson). Auch als Mischung von wissenschaftlicher (historischer und theoretischer) Auseinandersetzung und Beispielen aus der Praxis zeitgenössischer künstlerischer Ansätze verantworteten Cornelia und Holger Lund mit „Audio. Visual“ eine Publikation, in der audiovisuelle Produkte als gleichberechtigte und gleichgewichtige Zusammenarbeit von visuellen und akustischen Medien in exemplarischer Auswahl präsentiert werden. Wie beim Notationsbegriff, so auch hier, Audiovision entzieht sich bislang einer einheitlichen begrifflichen Fassung. Dies sehen die Herausgeber im Editorial als Desiderat an. Als Werkstattbuch gewähren die Herausgeber Einblicke in eine vielschichtige Szene, in die durch 18 Textbeiträge geführt wird. Intermediale Entdeckungen gibt es auch hier zu machen. Interessant etwa ist Hervé Vanels Hinweis auf den Multimediakünstler Nicolas Schöffer (1912-1992). Insgesamt wird in den Textbeiträgen eine große Bandbreite möglicher Verbindungen von Ton und Bild, auch in historischer Perspektive, angesprochen, der Fokus liegt jedoch auf zeitgenössischen Experimenten und es gibt einen interessanten Querverweis zur Notations-Ausstellung. Dass Notation eine mögliche Form audiovisueller Musik darstellt, spricht Friedemann Dähn an. Sie existiere, so der Autor weiter, „bereits seit vielen Jahrhunderten“, eine Form, die „vollständig lautlos“ sei.

Beide Publikationen widmen sich spannenden Austauschprozessen. Diesen auf der Spur sind Cornelia und Holger Lund in ihrer Medienkunstgalerie „Fluctuating Images“ mit Ausstellungsreihen zur Praxis visueller Musik. Welche Möglichkeit die Digitalisierung im audiovisuellen Bereich eröffnet, zeigt sich, sehr schön im Lund-Katalog thematisiert, an Real-Time-Produktionen. Bei dieser werden Bilder und Töne erst im Moment des Abspielens konstruiert. So groß die medialen Umbrüche in diesem Bereich auch sind, beide Projekte bedürfen des alten Mediums Buch. Dessen Gestaltung ist bei beiden Projekten außergewöhnlich. Ein kleines Kunstwerk jedoch ist, mit beigelegter DVD, „Audio.Visual“.

Cornelia und Holger Lund (2009) Audio.Visual – On Visual Music and Related Media. Text: in Deutsch und Englisch, geb., 320 S., 200 farbige Abb., Stuttgart. Arnoldsche Art Publishers. 17 x 25 cm. ISBN: 978-3-89790-293-0. € 39,80

29. 9. 2009
Sigrid Gaisreiter
Notation. Kalkül und Form in den Künsten. Mitwirkung (sonst.): Lammert, Angela. Hrsg.: Appelt, Dieter. 424 S., 155 u. 370 fb. Abb.. Gb Akademie der Künste, Berlin 2008. EUR 45,00
ISBN 978-3-88331-123-4
 
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