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Kreuzgang von Visuellem und Narrativem

Die am Englischen Seminar der Universität Zürich lehrende Professorin Elisabeth Bronfen ist prädestiniert, Multi- und Intermedialität zu analysieren und mit diesem Forschungsfeld, wie ihre Studien zeigen, vertraut. Sie hat mit der vorliegenden Arbeit „Crossmappings“ eine erkenntnisstiftende Methode entwickelt, die nicht intertextuellen Zusammenhängen im Sinne einer eindeutigen Bezugnahme eines Textes auf Referenztexte nachspürt, sondern auf der Suche nach „ähnlichen Anliegen“ von Texten „unterschiedlicher Medialitäten“ ist. Das bedeutet, dass das Verfahren des Crossmappings „Bildformeln und Denkfiguren“ miteinander in Verbindung bringen möchte, die kulturelle Ähnlichkeiten oder Abweichungen als Verbindungslinien über historische Epochen hinweg, sichtbar werden lassen sollen. Dabei spielt die Medialität des Kunstwerks in Bronfens Ausführungen eine wichtige Rolle, sodass Interaktionen verschiedener Kunstwerke sichtbar werden.

In der Einleitung führt die Autorin ihr Verfahren an drei Beispielen vor und leitet auf diese Weise induktiv in den folgenden theoretischen Teil ein, der aus einer Sammlung von „Essays zur visuellen Kultur“ besteht, die bereits an verschiedenen Stellen veröffentlicht wurden. Am Ende des Bandes befindet sich, nach der Bibliographie, ein Verzeichnis der Erstdrucke. Die gesamten Essays zur Visual Culture partizipieren von Vorgängerarbeiten, wie sie Carl Einstein, Aby Warburg, Walter Benjamin oder Siegfried Kracauer vorgelegt haben. Fast wie in einem kulturwissenschaftlichen Lexikon treten bereits in der Einleitung berühmte Protagonisten aus der Geistesgeschichte auf: Friedrich Nietzsche, Stephan Greenblatt, Stanley Cavell, Judith Butler, Roland Barthes, Siegmund Freud oder Georges Didi-Hubermann auf. In den der Einleitung folgenden Texten begegnet man noch weiteren Größen wie Susan Sontag, G.F.W. Hegel oder Max Imdahl. Ausgangspunkt des Crossmappings bleibt Aby Warburgs Ansatz, der um Greenblatts „Austausch kultureller Energien“ ergänzt wird.

In drei Kapiteln demonstriert Bronfen an vielen Beispielen, dass sie diese Kunst, kulturelle Umschriften im Neubeschriften meisterlich beherrscht. Unterstützt werden die medialen Kreuzgänge durch Abbildungen. So ist die Ähnlichkeit der Stellung der Hand der weiblichen Hauptfigur auf dem Gemälde von Sandro Botticelli in „Die Geburt der Venus“ (um 1485) und Francesca Woodmans Arbeit „ohne Titel“ (1975-1978) augenscheinlich. Mit ihrem Leseverfahren, Theoretisches auf Ästhetisches zu beziehen, entsteht, neben vielen Einzelstudien, etwa zur Porträtkunst, auch ein kleines theoretisches Kompendium für Forschung und Lehre. Sehr eindrucksvoll führt Bronfen dies im ersten Kapitel vor, wie Licht in Kunst und Belletristik eingesetzt wird.

Erkenntnisstiftend ist diese Untersuchung von Bildformeln und Denkfiguren bereits in der Einleitung und Bronfen ist nicht nur eine glänzende Autorin, sondern entwickelt Aby Warburgs „Atlas“ weiter.
22.2.2010

Sigrid Gaisreiter
Bronfen, Elisabeth: Crossmappings. Essays zur visuellen Kultur. 320 S., 20 sw. u. 80 fb. Abb. 21 x 15,5 cm. Gb, Scheidegger 6 Spieß, Zürich 2009. EUR 35,00 CHF 49,90
ISBN 3-85881-240-4   [Scheidegger & Spiess]
 
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