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„Skandal: Kunst!“

Ein schwarzer Umschlag mit farblich auffälliger, aber schlicht gehaltener Schrift, die besagt: „Skandal: Kunst! Schockierend – packend - visionär“ Der provozierende Titel verfehlt seine Wirkung nicht und auch die Mischung aus der einfachen, aber leuchtenden Schrift verleitet dazu, das Buch in die Hand zu nehmen und sich zu fragen: Was braucht ein Bild, um einen Skandal auszulösen? Und wie sahen die entsetzten Reaktionen aus?

Nicht nur als Kunst-Leistungskurs-Schülerin, sondern auch als kulturell interessierte Jugendliche hab ich mich gefragt, womit man denn eigentlich noch Skandale auslösen kann, denn nackte Haut reicht heutzutage wohl nicht mehr aus.
Das Buch hat mich in dem Sinne überrascht, dass es eine Vielfalt an skandalösen Bildern zeigt: wie erwartet, einige, die moralisch verwerflich waren, aber auch welche, die durch eine neue Malweise oder „nur“ wegen eines unästhetischen Motives schockierten.
Manche Bilder hat man schon so oft gesehen (wie zum Beispiel „Der Schrei“) oder die Namen der Künstler so oft gehört, dass man keinen Skandal hinter ihnen vermutet hätte, in anderen erkennt man nichts Verwerfliches. Für diesen Fall liefert das Buch viele Hintergrundinformationen, die wie kleine Geschichten zu lesen sind. Denn ohne die gesellschaftlichen Wertvorstellungen zu der Zeit, in der das Bild entstanden ist, ohne Hintergrundwissen über Politik oder die in den Skandal um das Bild involvierten Personen, kann ein Laie nicht nachvollziehen, warum ein einziges Bild derart viele Menschen provoziert(e).
Die kunsthistorische Reise beginnt, nach einer Einführung, mit Michelangelos „Jüngstem Gericht“ von 1536-41, das die Sixtinische Kapelle ziert. Auf der ersten Doppelseite sieht man das Bild, beziehungsweise einen Ausschnitt, und rechts davon das bedeutendste Zitat zu dem entsprechenden Werk, hier von Biagio de Cesena: „Kein Werk für die Kapelle des Papstes, sondern für eine Badestube oder ein Wirtshaus.“
Mir gefällt, dass das Buch einem Werk bis zu acht Seiten widmet. Im Falle der Sixtinischen Kapelle wird der Platz genutzt, um verschiedene Teile des Bildes separat zu untersuchen, wie zum Beispiel die Jesusfigur, die hauptsächlich für den Skandal verantwortlich war. „Skandal: Kunst!“ bietet außerdem einen Ausblick, und zeigt auf, wie sich die Einstellung zu den Werken gewandelt hat: nachdem man zum Beispiel das „Jüngste Gericht“ zensiert hatte, wurde es später restauriert und fast vollständig in seinen Urzustand zurückversetzt.
Caravaggio, der mit seiner viel zu realistisch gemalten Jungfrau Maria und einigen anderen Werken provozierte, lebte zudem ein skandalträchtiges, exzessives Leben, voller Höhen und Tiefen. Er stand einige Male vor Gericht. Das Leben des Caravaggio prägt zu Teilen seine Werke und ich finde es deshalb gut, dass man etwas über ihn und seine privaten Skandale erfährt.
Auch der Skandal durch Manets „Olympia“ erklärt sich unter anderem über das Hintergrundwissen, es sind verschiedene Gemälde, ergänzend zu dem Werk selbst, abgebildet: Zum Teil, weil sie ein ähnliches Motiv zeigen, oder weil sie aus derselben Zeit stammen. Verglichen zu den Frauenbildern der anderen Künstler zur Zeit Manets erkennt der Betrachter, warum das Bild so viel Aufmerksamkeit erregte. Oft werden neben den besprochenen auch andere Kunstwerke des Künstlers dargestellt.
Claude Monet schockte 1872/73 sein Publikum mit seinem „Impression, Sonnenaufgang“, das in seiner Ungenauigkeit und einfachen Malweise und Farbwahl bisher einzigartig war. Oft waren die Vorreiter eines Stils, wie hier Monet, der mit seinem Bild dem Impressionismus seinen Namen gab, zuerst kritisiert und auch verachtet worden, bevor sich jemand für das Bild interessierte und die Besonderheit und Neuartigkeit zu schätzen wusste. In diesem Falle war es Joseph Vincent, ein traditioneller Landschaftsmaler. Dass in dem Buch Zitate von den Persönlichkeiten zur Entstehungszeit des Werkes eingebracht werden, bringt dem Leser die Geschichten zu den Werken näher und vermittelt zudem den Eindruck, dass sich die Autoren des Buches wirklich ausführlich mit den verschiedenen Bildern beschäftigt haben. Das wird auch durch die Länge der Texte deutlich. „Skandal: Kunst!“ ist keineswegs ein Buch zum Durchblättern, denn die Geschichte die hinter einem Werk steckt, lässt sich nicht allein in untertitelten Bildern darstellen.
Als Beispiel für das große Spektrum an Stilrichtungen und Epochen, das das Buch abdeckt, möchte ich noch Marcel Duchamps „Fountain“ aus dem Jahre 1917 nennen: ein signiertes, aber ansonsten handelsübliches Urinal; ein sogenanntes „Readymade“, ein Kunstwerk aus einem Alltagsgegenstand.
Die verschiedenen Gemälde, Skulpturen und Readymades aus den Jahren 1536 bis 2000 sind so gewählt, dass sie sich auf den ersten Blick vielleicht ähneln, nicht aber die Skandale, die damit verbunden sind. Dadurch wird das Lesen nicht langweilig.

Fazit: Ein lesenswertes Buch, besonders für Kunstinteressierte, auch mit wenig oder keinem Vorwissen. Für „Skandal: Kunst!“ sollte man sich zwar Zeit nehmen, da die Geschichten zu den Werken lang sind; sie sind jedoch unterhaltsam zu lesen. Die Texte werden durch kleine „Informationskästen“ und Zitate abgerundet. Bei dieser kunsthistorischen Reise durch sechs Jahrhunderte lernt der Leser Wissenswertes über die Kunstwerke und ihre Künstler, und darüber hinaus über die Gesellschaft und ihre Moralvorstellungen im Wandel der Zeit.
15.03.2010
Marie-Theres Dahlhoff
Ute Schüler, Rita Täuber. Skandal: Kunst! Schockierend – packend- visionär. 144 S., 140 fb. Abb., 24,5 x 28,5 cm, Gb., mit Schutzumschlag. Belser Verlag, Stuttgart 2008. EUR 25,70
ISBN 978-3-7630-2496-4   [Belser]
 
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