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Schrankenlose Freiheit für Hannah Höch

Ohne Zweifel, die Künstlerin Hannah Höch ist eine der herausragenden Künstlerinnen des beginnenden 10. Jahrhunderts. Als Dada-Künstlerin war ihre „schrankenlose Freiheit“ jedoch nicht gar so schrankenlos, wie der Titel der Biographie verspricht.

Schon früh löst sich Hannah Höch (1889 – 1978) aus ihrem bürgerlichen Elternhaus in Gotha und nimmt - wie es jungen Frauen geziemt - ein Studium an der Charlottenburger Kunstgewerbeschule auf. Zwar steht sie nach dem Studium in Diensten des Berliner Ullstein Verlages, was sie aber nicht davon abhält, sich recht bald der aktuellen und aufregenden Kunst der Dadaisten anzuschließen und eine intensive, aber unglückliche Beziehung mit Raoul Hausmann einzugehen.
Erst nach der Trennung von Hausmann, von dem sie zweimal ein Kind erwartete, die sie nicht wünschte und darum nicht geboren werden sollten, wächst ihre Kunst über die reine Dada-Auffassung hinaus. Darüber hinaus eröffnet sich ihr ein weit gefasster Freundeskreis von Künstlern, denen die Bürgerlichkeit und die Ordnungsmuster der wilhelminischen Epoche und der jungen Weimarer Republik ein Gräuel waren. In den Jahren von 1926 bis 1933 und der lesbischen Beziehung mit Til Brugman blüht Hannah Höch auf und ihre eigenwilligen und gesellschaftspolitisch tiefgründigen Foto-Collagen und Gemälde finden zunehmend Anerkennung.

Nachdem auch die Beziehung zu Til Brugman in die Brüche geht, beginnt Hannah Höch eine Verbindung mit dem intellektuell begnadeten und sportlichen (er liebt das Bergsteigen), aber sexuell derangierten und sehr viel jüngeren Kurt Heinz Matthies ein.
Was Hannah Höch antrieb, mit diesem Mann, dem die Kunst ziemlich fern lag und der sich eher für Autos und Technik interessierte und als Geschäftsreisender eines Berliner Unternehmers in ganz Deutschland unterwegs war, sogar die Ehe einzugehen, beschreibt sie später mit: "Ich brauchte ein Kind, er brauchte eine Mutter".
In den Jahren mit Matthies, die bis 1942 dauerten, ist sie mehr mit der Berliner Justiz beschäftigt als mit der Kunst (Matthies wird wegen seiner exhibitionistischen Neigungen in Haft genommen).
Hinzu kommt, dass die politische Situation immer bedrohlicher wird und Hannah Höch zunehmend unter Druck gerät, nicht in die Fänge der Nationalsozialisten zu geraten. In der Ausstellung „Entartete Kunst“ werden zwar Arbeiten von Hannah Höch nicht gezeigt, doch war sie bereits im Visier der Nationalsozialisten, u.a. mit ihrem Werk „Journalisten“ aus dem Jahr 1925, das Wolfgang Willrich, ein glühender Verehrer der Nazis in seiner Kampfschrift „Säuberung des Kunsttempels“ in einer Foto-Collage diffamierend darstellt.

In den folgenden Jahren kann die Künstlerin ihre Werke nur noch unter der Hand verkaufen, was ihr es fast unmöglich macht, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. 1939 kauft Höch ein kleines Haus mit großem Garten am Stadtrand von Berlin in Heiligensee, wohin das Paar nach einem längeren Aufenthalt in Italien 1940 ausweicht als die Lage in Berlin immer bedrohlicher wird.
1942 zerbricht ihre Ehe mit Matthies nicht ohne schmerzhafte Demütigungen, die ihr die Nebenbuhlerin und Matthies zufügen. Ihre aufgrund der Trennung folgende Verzweiflung drückt sich, wie häufig in ihrem Leben, in längeren Zeiten des Krankseins und Depressionen aus.
Nach dem Krieg beginnt die Künstlerin sich neu zu ordnen und sich ihrer Verantwortung für sich selbst zu besinnen. Höch versucht zu den meist im Ausland lebenden Freunden Kontakt aufzunehmen, was allerdings wenig dazu beiträgt ihre Einsamkeit zu mildern. Dennoch nimmt sie lange liegengebliebene Arbeiten wieder auf, um sie als Skizzen für neue Projekte zu nutzen. Trotz intensiver Gartenarbeit, die sowohl der Lebensmittelversorgung als auch der Stabilisierung ihres Seelenleben dient, stürzt sich Hannah Höch wieder in das Berliner Kulturleben und beteiligt sich nun aktiv am Wiederaufbau der Bildungsarbeit. Unter anderem referiert sie über das Thema „Frauen und Kunst“ und „Über die unvoreingenommene Art ein Kunstwerk zu betrachten: Warum? Wie? Zu welchem Zweck?“.
Zum Höhepunkt ihrer späten Anerkennung wird 1948 die Präsentation ihrer Werke im Museum of Modern Art. Die ersten musealen Einzelretrospektiven der Künstlerin in Berlin und Paris erfolgen aber erst einige Jahre vor ihrem Tod. 1976 zeichnet der Berliner Senat Hannah Höch mit einer Ehrenprofessur aus.

Cara Schweitzer durchleuchtet akribisch das Leben Hannah Höchs in dem die Autorin aus Briefen, Tagebüchern und dem Nachlass der Künstlerin bis ins Detail herauschält, was allerdings hin und wieder, besonders bei der Auflistung der Reiseziele von Höch und Matthies zu einer etwas spröden Ansammlung von Fakten gerät und man geneigt sein könnte, das Buch beiseite zu legen. Was allerdings ein großer Fehler wäre.

Trotz, oder vielleicht sogar wegen, der in dieser Biografie gesammelten zahllosen Fakten, Zitate und Zeugnisse bleiben die Künstlerin und der Mensch Hannah Höch seltsam fremd, auch wenn die sorgsam ausgewählten Kunstwerke ausführlich besprochen werden.

Cara Schweitzer hat wohl – und das zu Recht - davon absehen wollen, zu spekulieren, welche psychischen Folgen zwei Abtreibungen während ihrer Beziehung mit Hausmann für die Künstlerin gehabt haben könnten. Hannah Höch liebte Puppen und verfremdete diese zu mythischen Wesen und „löwenköpfige Mischwesen mit ausgebreiteten Armen treten in Babyjäckchen gekleidet auf“. Schade, dass die Abbildungen nur schwarz-weiß gezeigt werden.

Grund genug, sich weiterhin mit Hannah Höch zu beschäftigten. Nicht nur wegen ihrer herausragenden Kunst in einer Zeit der Unfreiheit und Gewalt, sondern auch, weil ihre Werke noch zahlreiche Geheimnisse und Widersprüche bergen, die das Leben dieser einzigartigen Künstlerin so spannungsreich und intensiv erscheinen lassen.

„Schrankenlose Freiheit für Hanna Höch“ klingt wie eine Vision, die der Künstlerin letztendlich politisch und wohl auch psychisch in ihrem langen 87-jährigen Leben nicht vergönnt war.
Posthum sind die Künstlerin Hannah Höch und ihre Werke ein spannendes Dokument einer grausam beladenen Epoche.

Zur weiteren Lektüre sei folgende Titelauswahl empfohlen:

Kittner, Alma-Elisa. Visuelle Autobiographien. Sammeln als Selbstentwurf bei Hannah Höch, Sophie Calle und Annette Messager. Kultur- und Medientheorie. 2009. 338 S. zahlr. z.T. fb. Abb. 22,5 x 13 cm Pb. EUR 29,80 ISBN: 978-3-89942-872-8

Struck, Gabriele. Fünf Treppen zum Dach. Mine und Rose erzählen von Hannah Höch. Illustriert: Grapow-Steffens, Petra; Hrsg.: Braun, Waldtraut. 2011. 2. Aufl. 32 S. 20 x 26 cm Gb. EUR 16,80, CHF 26,00 ISBN: 978-3-934189-79-9

Höch, Hannah: Bilderbuch. 2008. 44 S., 19 fb. Abb., Collagen 22 x 27 cm. Gb, The Green Box, Zürich 2008. EUR 24,00 ISBN: 3-908175-35-6.

Wagener, Silke. Geschlechterverhältnisse und Avantgarde. Raoul Hausmann und Hannah Höch. 2008. 233 S. 21 x 14 cm. Pb. EUR 24,90, CHF 44,00 ISBN: 978-3-89741-275-0
Hannah Höch. Album. Hrsg.: Luyken, Gunda; Berlinische Galerie, Dtsch. Engl.Franz. 132 S. 65 meist fb. Abb., 33 x 25 cm, Gb. EUR 58,00, CHF 81,90 ISBN: 978-3-7757-1427-3

23.08.2011
Gabriele Klempert
Schweitzer, Cara. Schrankenlose Freiheit für Hannah Höch. Biografie. 300 S. Gb. Osburg Verlag,Berlin 2011. EUR 24,90
ISBN 978-3-940731-64-7
 
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