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Krieg und Frieden im globalen Dorf

Als „Scharlatan“, so heißt es im Klappentext der vorliegenden Publikation, hätten Kritiker den kanadischen Medienwissenschaftler Marshall McLuhan (1911-1980) bezeichnet. Liest man „Krieg und Frieden im globalen Dorf“, so versteht man, warum. McLuhan nahm die Thesen seines 1964 entstandenen Hauptwerkes „Die magischen Kanäle“ und verwandelte sie in ein kleines Buch von delirierender Wirkung. Dies ist keine Einstiegsdroge mehr, sondern das Medium für den Vollrausch. Keine These wird näher erklärt (man sollte am besten schon McLuhan-Junkie sein), die Erzählweise ist – um das Geringste zu sagen – zyklisch, etliche Langzitate aus anderen Publikationen sind eingebaut (und umfassen wohl insgesamt 40 Prozent des Textes), am Seitenrand läuft eine Spalte mit Zitaten aus James Joyces „Finnegans Wake“ entlang („…jene Facker, die sich selbst ewig rückproduzieren“), und dann diese Bilder, diese Bilder.
Es ist ein Glück, dass sich der aparte Berliner Wissenschaftsverlag Kadmos der Angelegenheit angenommen und McLuhans Buch von 1968 in einer würdigen Weise eingedeutscht hat: als Gesamtkunstwerk. Natürlich ist das alles ein bisschen crazy und man muss das Buch mehrmals lesen, um es zu verstehen (anders als es im gelungenen Nachwort heißt: man sei in einer Stunde durch – nun ja, man selbst vielleicht schon, aber nicht mit dem Text). Aber es lohnt sich, nicht allein aus Gründen der Welterkenntnis, der Kulturkritik und der Kritik am Kapitalismus. Es lohnt sich als ästhetisches Ereignis!
Quentin Fiore, Schüler von George Grosz und als Graphikdesigner in den 1940er Jahren am Chicagoer „New Bauhaus“ ausgebildet, hat McLuhans Collagestil mit visuellen Mitteln erweitert. Die Bilder sind nicht Illustrationen, sie sind erweiterte Kommentare. Dazu hat Fiore die Vorlagen beschnitten, mit Schrift überblendet, seltsam angeordnet. Und er hat sie oft mehrere Seiten entfernt placiert von der Stelle im Text, an der sie illustrativ erscheinen müssten. Bildstrecke und Layout entfalten damit eine Eigendynamik, die mit McLuhans Text interagiert. Man könnte ausrufen: Multimediale Leitmotivtechnik Zweier Kongenialer Autoren. Aber wir wollen es auch nicht übertreiben.
Bei all dem überwiegt im Buch harsche Kritik an einer Gesellschaft, die sich den „kalten“ Medien – zuerst und vor allem dem Fernsehen – hingibt, durch Medienmaschinen wie den Computer die eigenen Sinne beschneidet und sich freiwillig in die intellektuelle Steinzeit befördert (McLuhan spricht von „Amputation“ und „spastischen Situationen“, herrlich, wie man sich in prä-„P.C.“-Zeiten noch ausdrückte!). „Jede neue Technologie erfordert einen neuen Krieg“, heißt einer der vielen knappen und prägnanten Sätze, die durchaus doppeldeutig gemeint sind. Einerseits ist es die „Kriegsführung“, andererseits aber die eherne Notwendigkeit, die durch veränderte Medialität angestachelt wird. McLuhan konstatiert eine extreme Frustration unter den Menschen, ausgelöst durch die Medienrevolution – und diese Frustration muss abgebaut werden, immer und immer wieder, nicht nur im Vietnamkrieg (der 1968 gerade tobte), sondern auch in den Nachfolge-Medienkriegen, dem Golfkrieg I, dem Afghanistankrieg, dem Golfkrieg II, und den zahllosen weiteren Kriegen, die wir führen, bis hin zum aktuellen Einsatz in Mali.
Ja, es ist ein wütendes Buch, es ist ein aktuelles Buch und es ist ein Buch, das in dieser Form nur als „Buch“ funktioniert. Deswegen ist den Herausgebern Karlheinz Barck und Martin Teml, deswegen ist auch dem Verlag zu danken, dass McLuhan-Fiores „Krieg und Frieden im globalen Dorf“ nun auf deutsch vorliegt, als das, was es ist (ich sagte es bereits, wiederhole mich aber gern): ein furioses Buch-Kunstwerk.

27.01.2013
Christian Welzbacher
McLuhan, Marshall. Krieg und Frieden im globalen Dorf, verfasst mit: Fiore, Quentin. 208 S. zahlr. Abb. 19 x 12 cm, Br., Kadmos Verlag, Berlin 2011. EUR 19,90 CHF 20,50
ISBN 978-3-86599-137-9
 
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