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Die Blauen Bücher – Eine nationale Architekturbiographie?

Heinrich Himmler veröffentlichte im Januar 1941 in der SS-Zeitung „Das schwarze Corps“ einen kurzen Text mit dem Titel „Deutsche Burgen im Osten“. Darin erklärt er, dass sich der deutsche Anspruch auf eine Annektion polnischer, urkainischer und russischer Territorien durch den Blick in die Architektur der Vergangenheit rechtfertigen lasse. Zu Beginn heißt es apodiktisch: „Große Zeiten eines Volkes finden den letzten Ausdruck innerer Kraft und Stärke in ihren Kulturwerken. Eine Wahrheit steht am Anfang und am Ende jeder geschichtlichen Epoche: Wenn die Menschen schweigen, reden die Steine.“ Dann wird Himmler konkret: „Die Burgen von Allenstein, Heilsberg, Marienwerder und Neidenburg waren durch sieben Jahrhunderte hindurch für alle Generationen des alten Ordenslandes Ostpreußen – die Keimzelle des preußisch-deutschen Staates – ebenso sehr die Zeugen wehrhafter Eroberung und zähester Verteidigung als auch die Sinnbilder hoher deutscher Kultur.“ Auch die „nach deutschem Vorbild von Vasallenvölkern in Masowien und Polen errichteten Burgen […] taten […] kund, dass sie von deutschen Menschen geschaffen sind und inmitten unserer Äcker entstanden sind.“ Es folgt der Schluß: „Die Steine haben nicht umsonst geredet…die Äcker sind wieder deutsch.“
Das Thema, die Methode, die Sprache und das Ergebnis von Himmlers SS-Kunstgeschichte lassen den heutigen Leser fraglos aufhorchen. Woher hat der Münchner Lehrersohn das alles? Er hat es – daran besteht wohl kaum ein Zweifel – von Wilhelm Pinder. Und der verbreitete die Argumentationsgrundlage dafür in seinen „Blauen Büchern“. Wenn daher Britte Fritze, Autorin einer Dissertation über die äußerlich tiefblau gefärbten Bestseller des Verlagshauses Langewiesche, fragt, ob die „Blauen Bücher“ eine „nationale“ Architekturbiographie bildeten, so möchte man antworten: „Durchaus!“ Und spezifizieren: „Nationalistisch.“
2002 veröffentlichte Langewiesche zum hundertsten Verlagsgeburtstag eine kritische Geschichte (sie könnte an Mut, Zugriff und Distanz für zahlreiche deutsche Unternehmen Vorbild sein und kam dabei ganz ohne Historikerkommission aus). Seither steht die unselige Allianz zwischen dem deutschnationalen Kunsthistoriker Wilhelm Pinder und dem liberalen, Friedrich Naumann nahestehenden Verleger im Raum. Es mag vielleicht übertrieben sein, dass Pinder den guten Langewiesche bei einem zehnminütigen Gespräch auf einem Balkon auf seine Seite zog und zum Nationalisten machte. Möglich aber, dass bei der Unterredung der Keim für das gelegt wurde, was sich in den nächsten Jahren zu einem gemeinsamen Großprojekt auswuchs: dem Gegenstand von Britta Fritzes Untersuchung.
„Deutsche Dome“ (1910), „Deutscher Barock“ (1912), „Deutsche Burgen und feste Schlösser“ (1913), „Große Bürgerbauten deutscher Vergangenheit“ (1915) und viele andere „deutsche“ Blaue Bücher mehr bilden zusammen eine beliebig erweiterbare Buchreihe, die tatsächlich so etwas wie einen Kanon konstituierte. Doch ist dieser Kanon nicht allein kulturhistorisch-kunstgeschichtlicher Natur – es ist auch ein Kanon der deutschen Befindlichkeit und seinem Wunsch nach Erbauung, „Größe“ und Weltgeltung. Insofern wirken diese Blauen Bücher – das verraten ihre meist knapp gehaltenen Einleitungstexte – immer nach zwei Seiten: außenpolitisch abschottend, innenpolitisch selbstversichernd. Eine solche Mission freilich (und eine Mission scheint es, wie die von Fritze zitierten Briefstellen beweisen, gewesen zu sein) ist nicht wenig für einen Verleger, der sein Publikum sucht, um Bücher zu verkaufen.
Vieles von dem, was Fritze schreibt, kann bei in Gabriele Klemperts kritischer Verlagsgeschichte von 2002 nachlesen. Und auch früher schon hatten sich Publizisten mit den „Blauen Büchern“ befasst, weil sie erkannten, dass diese Buchreihe geradezu konstitutiv für das deutsche Wesen der Jahre von 1910 bis 1933 waren, ja mehr noch, dass sie eine ganze Generation kunsthistorischer Laien heranbildete, die hier ihr kulturelles Bewusstsein formte. Typen wie Himmler inklusive.
Fritze vermag das bisher von der Forschung Geleistete ergänzen, indem sie überlegt, auf welche Weise die Blauen Bücher solch umwerfende Stoßkraft entwickeln konnte. Sie untersucht dementsprechend die Bilder, genauer: die Bildstrategie des Verlegers. Denn fraglos hing der große Erfolg direkt mit der Inszenierung dieser brillanten Wiedergaben zusammen, die – meist im seitenfüllenden Großformat – sich zu einem dramaturgisch fein angestimmten Reigen zusammenfügten und ein stringentes Gesamtbild vermittelten. Zu diesem Zweck bearbeitete Langewiesche die Vorlagen akribisch, retuschierte, veränderte Ausschnitte, tilgte Urheber usf. Die Blauen Bücher vermittelten also ihre Kanon in erster Linie visuell. Deshalb brauchte die Bildstrecke eine Geschlossenheit, mußte in Auswahl und Abfolge klar, logisch, zwingend wirken: Unanfechtbar. Langewiesche, das macht und Fritze klar, war ein Meister der Bildpropaganda. Und er nutzte diese Meisterschaft in eigener Sache.
Britta Fritze gelingt es mit ihrer Studie, unser Wissen um die Blauen Bücher zu bereichern. Dass dabei – trotz des veränderten Betrachtungsausschnitts – in erster Linie Bekanntes bestätigt wird, tut der Sache keinen Abbruch. Gut geschrieben, nicht ganz so gut lektoriert (ich darf das sagen, da ich selbst mit meiner Dissertation bei Lukas hervorragend betreut worden bin), dafür aber solide ausgestattet (und mit einem Cover und Vorsatzpapier versehen, dass sich als Referenz an die Blauen Bücher versteht) ist dieses Buch über Bücher – über Blaue Bücher! – die Lektüre wert.

13.04.2014
Christian Welzbacher
Die Blauen Bücher. Eine nationale Architekturbiographie?. Fritze, Britta. 241 S. 149 Abb. 27 x 19 cm. Gb. Lukas Verlag, Berlin 2014. EUR 36,00 CHF 47,90
ISBN 978-3-86732-181-5   [Lukas]
 
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