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André Malraux und das imaginäre Museum

Ein ansprechend gemachtes, schön und streng layoutetes, wunderbar bebildertes, hochwertig produziertes Buch – das ist der erste Eindruck, den der Band „André Malraux und das imaginäre Museum“ hinterlässt. Schade, dass der Text dem nicht standhalten kann. Denn Walter Grasskamps Versuch, Malraux (1901-1976) nahezukommen, scheitert – und das ist für einen Kunsthistoriker geradezu tragisch – an den Oberflächen der Bilder.
Eines dieser Bilder ist dabei der Aufhänger für Grasskamps großformatigen Essay. Die Fotografie zeigt, von erhöhtem Standpunkt aus aufgenommen, den Schriftsteller und Kulturpolitiker Malraux inmitten des Salons seiner Wohnung, zu Beginn der fünfziger Jahre, einer Zeit, da sein Ruf legendär, sein Einfluss unbegrenzt schien und er gerade damit beschäftigt war, einen Kanon der Weltkunstgeschichte als kommentiertes Bilderbuch zu edieren: das „Musée imaginaire“. In der Arbeit daran versunken – so scheint es – lehnt Malraux (Zigarette im Mund) an seinem Flügel, eines der Buchrepros in Händen, während dutzende Doppelseiten, in Reihen sortiert, zu seinen Füßen auf dem Teppich lagernd den Raum füllen. Auch weitere, ähnliche Malraux-Fotos gibt es, sie alle entstanden als Illustrationen für einen Zeitschriftenartikel von Paris-Match 1954. Auf ihnen nimmt Malraux immer eine andere Pose ein, um zuletzt – kurios – inmitten seiner ausgebreiteten Bilderwelt selbst auf dem Boden zu liegen. Man sieht gleich: Die Fotos sind keine Dokumentation des Meisters bei der Arbeit. Sie sind Dokumente seiner Inszenierung.
Genau darum geht es natürlich auch bei Grasskamp. Doch nach dem voller Verve und Schmiss geschriebenen Einleitungskapitel, das große Lust auf das Thema macht, bleibt nur noch Enttäuschung zurück. Liest man weiter, so hangelt man sich von Gedanke zu Gedanke, von denen ein jeder brav abgehandelt wird, wie man es in einer Seminararbeit oder bei der Verwaltung erwarten würde. Man erfährt, wer Malraux’ Fotograf war, wo die Bilder erschienen, wie das „Musée imaginaire“ entstand, dass es Vorläufer und Konkurrenten hatte, dass mit Malraux ein Externer in die Sphäre der Kunsthistoriker eintrat und Gewissheiten des wissenschaftlichen Kanons mit der Chuzpe des Außenseiters durcheinanderwirbelte – man erfährt das alles, bieder und „ordnungsgemäß“ dargeboten, bisweilen durchzuckt von Geistesblitzen, die müde verglühen.
Auch fehlt dem Buch die überzeugende Gesamtstruktur. So taucht das Thema Bildinszenierung, gekoppelt an die generell hochinteressanten Inszenierungsstrategien des Monsieur Malraux, im Buch derart verstreut, versteckt und am Ende gar nochmals als Reprise auf, dass man den roten Faden ernsthaft verloren geben muss. So wird auch die rund um die „Musée imaginaire“-Reportage entstandene Fotoserie immer wieder erwähnt, neu besprochen und neu hinterfragt – statt sie einfach einmal kompakt und erschöpfend abzuhandeln.
Auch benennt Grasskamp die Accessoires auf den Bildern, vor die sich Malraux stellt (exotische Kunst, teils illegal auf eigenen Abenteuerreisen, über die er dann Bücher schrieb, nach Frankreich geschafft) und erklärt, dass just diese Artefakte Eingang ins imaginäre Museum gefunden haben. Was aber folgt aus dieser Beobachtung? Ist der Mann ein Poseur? Schamlos? Größenwahnsinnig? Man weiß es eben am Ende der Lektüre nicht genau.
Hätte Grasskamp der – teils durchaus fruchtbaren – bildwissenschaftlichen Erbsenzählerei das Studium von Malraux’ Texten und Briefen entgegengestellt, hätte er auch den Kontext abgeforscht, die Stimmen der Zeit, der Kritik durchforstet, so hätte er vielleicht herausgefunden, ob das „Musée imaginaire“, das es nicht in einer, sondern verschiedenen Fassungen gab, das nicht nur Malraux’ Idee, sondern ein zeittypisches, von anderen Autoren ähnlich publiziertes Phänomen war, ob also dieses Museum der Imaginationen, dieses Museum im Kopf – Malraux selbst gewesen ist.
Aber auf den Punkt kommt Grasskamp eben nicht. Hier umkreist ein Autor seinen Gegenstand, schießt intellektuelle Tangenten an seinen Flanken vorbei, schrappt am Rand der Sache entlang und verfehlt mal um mal den Kern. So bleibt uns in diesem Buch Malraux ein Unbekannter. Er ist der Mann auf den inszenierten Bildern mit den Bildern zu einem Buch, das von dem Mann stammt, der auf den Bildern mit den Bildern abgebildet ist. Das mag zwar schön zirkulär und annährend poetisch klingen. Aber mit Wissenschaft hat es nichts zu tun. Da hätte man das ansprechend gemachte, schön und streng layoutete, wunderbar bebilderte, hochwertig produzierte Buch ja auch mit Blindtext füllen können.

15.10.2014
Christian Welzbacher
André Malraux und das imaginäre Museum. Die Weltkunst im Salon. Grasskamp, Walter. 2014. 232 S. 65 Abb. Gb. EUR 29,95 CHF 43,50
ISBN 978-3-406-65988-1   [C. H. Beck]
 
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