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Hans Christiansen – Die Retrospektive

So ansprechend aufwändig das Buch gestaltet ist, so hochtrabend selbstbelobigend preisen die Herausgeber ihr Werk als (im Untertitel): „Die Retrospektive“ – als hätte es nicht 1985 den inzwischen vergriffenen großen Band mit vollständigem Oeuvrekatalog und Werkanalyse von Margret Zimmermann-Degen „Hans Christiansen. Leben und Werk eines Jugendstilkünstlers“ gegeben, verbunden mit einer auf dem Flensburger Museumsberg und danach im Frankfurter Museum für Kunsthandwerk gezeigten Ausstellung.
Freilich konnten in den vergangenen knapp dreißig Jahren dem Oeuvre des Künstlers (6.10.1866 – 5.1. 1945) einige weitere Objekte hinzugefügt werden, zwar konnten dadurch die Bearbeiter den späten Christiansen genauer in den Blick nehmen, als dies 1985 möglich war – diesen Part übernahm hauptsächlich wiederum Margret Zimmermann-Degen. Von dem Versprechen im Vorwort, auch einen Christiansen des Art déco und der Neuen Sachlichkeit zu entdecken, bleibt dann aber (auch im Vorwort) nur übrig der Wunsch, „dass Hans Christiansen seiner Lebensleistung entsprechend wahrgenommen wird: als Pionier der Jugend und Gesamtkunstwerker des Jugendstils.“

Nach einer Einführung von Michael Fuhr, Museumsdirektor des Museumsberg Flensburg, widmet sich ein Aufsatz von Dorothee Bieske (Museumsberg Flensburg) Christiansens Entwicklung „vom Historismus zum Jugendstil“, Claudia Kanowski (Bröhan-Museum, Berlin) „Hans Christiansen in Paris“, Philipp Gutbrod (Institut Mathildenhöhe Darmstadt) der Zeit auf der Mathildenhöhe in Darmstadt und schließlich Margret Zimmermann-Degen der Spätzeit in Wiesbaden.
Zu den herausragenden Entdeckungen der letzten Jahre zählt ein Paravant, datiert „um 1897“, heute im Bröhan-Museum, Berlin, Christiansen zugeschrieben im Jahr 2003 durch Rüdiger Joppien. Ebenso „um 1897“ datiert ein anrührendes Ölbild auf Karton „Mutter mit Kind“ aus der Sammlung Kirsch, ohne Datierungsvorschlag blieb eine Emaildose mit einer netten Variante des Motivkreises „Frauenkopf zwischen Blüte und Sonne“. Zwei Wächtersbacher Keramik-Vasen ergänzen als Varianten bekannter Objekte die Neuentdeckungen (S. 155 u. 207). Die späten Jahre werden im Ausstellungsbuch bildmäßig durch die Seiten 189 - 199 repräsentiert, durchweg bis dato kaum bekannte Stücke aus Flensburger Museums- oder Privat-Besitz, die sich aber in das bisher bekannte Oeuvre unauffällig einfügen. Wirklich „neu“ scheint mir nur die von Zimmermann-Degen auf S. 169 f. beschriebene, von Christiansen ab 1917 entwickelte Mischtechnik, die der Künstler als „Monotypie“ bezeichnete; ein Beispiel aus der Sammlung Kirsch wird auf S. 198 gezeigt: ein der Technik entsprechend ephemer erscheinendes, unbestimmt melancholisches Frauenporträt, um 1925 (eine andere Monotypie auf S. 23).

In die fünf Textbeiträge eingestreut sind Abbildungen von Objekten, die nicht im Abbildungsverzeichnis S. 201-208 auftauchen, darunter einige, die der Oeuvrekatalog von 1985 noch nicht kennt. Recht unbestimmt datiert „1920er Jahre“ sind Text-Abbildungen von Schmuckentwürfen für den Juwelier Carl Ernst, Wiesbaden (S. 21 u. 172), die m. E. etwas gewagt als „Auseinandersetzung mit den Stilmitteln der Neuen Sachlichkeit und des Art déco“ interpretiert werden (S. 22). Weniger auffällig sind die übrigen „neuen“ Stücke aus den Bereichen Gebrauchsgrafik, Mode, Landschaft und Porträt.

Die Organisation des Bandes erschließt sich nicht wirklich schlüssig. In den Aufätzen des Buches wird dieses zwar als „Katalog“ angesprochen. Anscheinend handelt es sich aber nicht um einen Ausstellungskatalog – denn nirgends wird klar, welche der abgebildeten Objekte ausgestellt sind. Aber auch in einem „Ausstellungs-Begleitbuch“ hätte man dies gern erfahren, und vielleicht auch einen reinen „Katalogteil“ erwarten dürfen. Verständlich wird dieser Mangel, bedenkt man, dass die Ausstellung wandert und vielleicht nicht überall dieselben Stücke gezeigt werden (Mathildenhöhe Darmstadt 12.10.14-01.02.15, Bröhan-Museum Berlin 19.02.15-24.05.15, Villa Stuck, München 18.06.15-20.09.15, Flensburg 11.10.15-17.01.16). Eine eingangs klärende diesbezügliche Bemerkung hat der Rezensent indes nicht gefunden. Der Benutzer hätte auch ein Abkürzungsverzeichnis begrüßt, nicht nur für das Abbildungsverzeichnis, sondern auch für die in den Textbeiträgen und deren Bildlegenden und Anmerkungen verwendeten Abkürzungen, wobei die Autoren auch noch unterschiedliche Abkürzungen für dieselbe Sache verwenden. Im „Abbildungsverzeichnis“ hätte der Leser auch die erst im Rahmen des Impressums nachgewiesenen Abbildungen auf den Schmuckseiten (z. B. Cover, Frontispiz) erwartet, ein Nachweis der im Übrigen sehr ansprechenden Motive von Vor- und Nachsatzblättern konnte überhaupt nicht gefunden werden.

So bleibt am Ende ein optisch und haptisch ansprechender Bildband anzuzeigen, zweifellos ein Muss für jeden Jugendstil-Freund und -Sammler.

08.01.2015
Hans-Curt Köster
Hans Christiansen. Die Retrospektive. Hrsg.: Beil, Ralf; Bieske, Dorothee; Fuhr, Michael; Gutbrod, Philipp; Text: Beil, Ralf; Bieske, Dorothee; Fuhr, Michael; Gutbrod, Philipp; Kanowski, Claudia; Zimmermann-Degen, Margret. Hatje-Cantz, Ostfildern 2014. 212 S. 190 Abb. 28 x 22 cm. Gb. EUR 39,80. CHF 52,90
ISBN 978-3-7757-3896-5
 
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