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Der Deutsche Pavillon – La Biennale di Venezia

Leseeindrücke.

Der für die Biennale von 1938 neoklassizistisch gebaute Deutsche Pavillon, Ausstellungsthema "Die Wiedergeburt der deutschen Kunst", war jahrzehntelang ein Dauerbrenner: Abriß, Neubau, Umbau? Aber auch seine Sanierung nach 1990 scheint nicht endgültig, ist doch die hier in einem Architekten-Beitrag aufgezeigte erfolgreiche Verfremdung seines Inneren durch Beuys, Haacke, Schneider, Richter Argument zur Modifikation auch des Pavilllonäußeren. Nicht jeder empfiehlt sich so und zudem widersprüchlich, wenn zugleich nationale Pavillons in Zeiten globalisierter Kunst als Restbestand einer postnationalen Zeit verstanden werden. Eine aus italienischer Sicht ebenso müßige wie überflüssige Argumentation bei einer Biennale, die sich seit ihrer Gründung 1895 international präsentiert, und ab 1999 von sich immer häufiger multiethnisch und multinational verstehenden nationalen Giardini-Pavillons aus in die gesamte Stadt hineinwirkt. Verhaltene Zweifel zeigen sich an einer forcierten Internationalisierung wie dem, von Christoph Schlingensief 2011 vehement abgelehnt, dann 2013 offiziell-zwischenstaatlich dekretierten deutsch-französischen Pavillontausch.
Auch läßt sich Hans Haackes deutscher Beitrag von 1993, der von ihm aufgerissene Marmorboden des NS-zeitlichen Deutschen Pavillons, italienisch nicht nur als künstlerischer sondern auch als historisch erlebter furor teutonicus verstehen. Streiflichter auf unterschiedliche nationale Sichtweisen auf Kunst die sich, journalistisch geschärft, deutlicher in den Feuilleton-Zitaten von Anmerkungen finden. Schade.

Bleibende Aktualität dürfte den beiden Analysen zum zentralen Konferenzthema sicher sein, zwei Kuratoren zwischen 1920 und 1936 und ihrer Werkauswahl. Der durch die Causa Gurlitt medial präsente Hans Posse wagte es, noch heute hoch gelobt, auf einer sich meist moderat-zeitgenössisch verstehenden Biennale 1922 und 1930 (zentral: Oskar Kokoschka) avantgardistische deutsche Kunst zu zeigen. 1938 zwangspensionert, wird er 1939 Hitlers Sonderbeauftragter für das "Führermuseum Linz". Anders und ähnlich wie noch 1940 und 42 Kuratoren der nach deutschen Vorgaben ausgerichteten Kunstausstellungen des Protektores Böhmen und Mähren und der Slowakei (auch die gab es) nutzt Eberhard Hanfstaengl 1934 und 36 einen Präsentations-Spielraum zwischen Hitlerbüste, "Befreite Saar"-Skulptur, Barlachs "Betenden Mönchen" und in Deutschland bereits verfemten Malern der Neuen Sachlichkeit. Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin, lehnt er dort die Beschlagnahme von Werken für die "Entartete Kunst"-Ausstellung ab, wird 1939 in den Ruhestand versetzt und kuratiert den Deutschen Pavillon wieder von 1948 bis 58. Wenig bekannte politische, kulturpolitische, künstlerische und biographische Diskontinuitäten und Kontinuitäten zwischen Weimarer Zeit und Drittem Reich, ineinander verwoben. Hier beispielhaft deutlich aufgezeigt, weil exzellent recherchiert und differenziert präsentiert, wünscht man sie sich im öffentlichen Bewußtsein häufiger und bleibend verankert.
Rekurse auf den Bayerischen (1909) und Deutschen Pavillon (seit 1912) lenken den Blick auf eine bis in die späten Zwanziger Jahre dauernde süddeutsch-preußische Konkurrenz bei der Bespielung des Pavillons. Die Jahre zwischen 1982 und 1990 zeigen die Nation dann mit der DDR anders künstlerisch gedoppelt, mit auslandspropagandistisch oft kontraproduktiven Sujets individueller und kollektiver Perspektivlosigkeit (Stelzmann, Cremer, Heisig, Peucker). Beim Lesen der seit 1943 faktenreich belegten italienischen Spuren von Beuys fragt man sich, ob sich gerade bei Beuys Fakten und künstlerische Selbststilisierung voneinander trennen lassen. Von diesem Studienband nicht separieren aber läßt sich die Einsicht, wie sehr kulturell-mental tradierte nationale künstlerische und kunsthistorische unterschiedliche Perspektiven den Blick auf eine internationalisierte Kunstwelt bestimmen

13.03.2016
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Der Deutsche Pavillon. Ein Jahrhundert nationaler Repräsentation auf der Internationalen Kunstaustellung La Biennale di Venezia 1912–2012. 2015. Meine, Sabine. Studi. Schriften des Deutschen Studieninstituts in Venedig (1). 128 S. zahlr. Abb. 17 x 24 cm., Gb. EUR 34,95. CHF 44,90
ISBN 978-3-7954-2947-8   [Schnell & Steiner]
 
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