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Besänftigung durch Belustigung

Damals schon ein gestandenes Mannsbild, sah man 1672 den sächsischen Kurprinzen Johann Georg III. in zartem Frauenkleid mit Blümchenmuster und kurzen Ärmeln als Semiramis durch Dresden reiten. Solche und ähnliche Maskeraden beschreibt die Marburger Dissertation von Claudia Schnitzer und zeigt vor allem ihre jeweilige Funktion.
So wird deutlich, dass der Kurprinz in seiner Aufmachung mitnichten aus der Rolle fiel. Wenn man weiß, dass das Kostüm der Semiramis beim Aufzug zum Quintanrennen (Pferderennen nach einer Holzfigur) anlässlich einer fürstlichen Zusammenkunft getragen wurde und Teil eines "Nimrod-Aufzuges" war, dann wird klar, wie diese Verkleidung zu "lesen" ist: Der Kurfürst selbst figurierte den Nimrod, Christian I. von Sachsen-Merseburg den Belus und Moritz von Sachsen-Zeitz den Nunus. Im Gegensatz zu volkstümlichen katholischen Fastnachtszügen, in denen der babylonische König und Turmbauer als Gegenspieler Gottes galt, verkörpert Nimrod bei den höfischen Turnieraufzügen den Urmonarchen und Stararchitekten. In seinem Gefolge übernehmen die sächsischen Herzöge in völlig angemesser Weise die Rolle der assyrischen Reichsnachfolger Nimrods, unter ihnen Semiramis als einzige weibliche Herrschergestalt. Möglicherweise war der Blumenschmuck des Kleides Hinweis auf die weltwunderreifen "hängenden Gärten" der Königin, denn auf ihre Parkanlagen waren gewiß auch die Sachsenfürsten stolz. Der Sagenstaat erweist sich also als Abbild des realen Staats und die vergnügliche Maskerade als "sozialintegrative Disziplinierungsmaßnahme". Diese Struktur findet man als Triebfeder bei allen Formen des höfischen Divertissements. Egal ob Mummerei unter Maximilian I. ob Ritterspiel, Verkleidungsbankett oder Maskenball, stets dient die Maske einzig dazu, das Inkognito soweit herzustellen, das übersteife Hofzeremoniell zu lockern und gleichzeitig Rang und hierarchisches Verhältnis der Beteiligten zu festigen.
So bestätigt sich auch und gerade bei der Maskerade das "eigentümliche Doppelgesicht" der höfischen Gesellschaft, von der Norbert Elias gesagt hat, sie vereine die Funktionen unseres privaten Lebens, nämlich Erholung und Vergnügen, und unseres Berufslebens, die da heissen Karriere und Selbstbehauptung.
Oliver Seifert
Claudia Schnitzer: Höfische Maskeraden. Funktion und Ausstattung von Verkleidungsdivertissements an deutschen Höfen der Frühen Neuzeit. 272 S.; 318 Abb., HC, 1999. EUR 132,-
ISBN 3-484-36553-6
 
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