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Marcel Duchamp

Kaum einem Künstler des 20. Jahrhunderts ist es gelungen, eine derart imponierende Geschichte des (späten) Nachruhms in die Welt zu setzen wie Marcel Duchamp. In der Zeit, in der Duchamp starb (1968), setzte auch seine bis heute ungebrochene Re-Aktualisierung ein. Heute ist das ready-made immer noch der Ort der Referenz, an dem sich alle Künstler, Kunsthistoriker und -vermittler treffen, die die Traditionen des Betriebssystems Kunst mit den Widersprüchen ihrer selbst produzierten Kontexte zu kombinieren versuchen.
Ein ready-made darf heute sein, was es eigentlich nicht sein will und auch (eigentlich) nicht ist - ein museal zu würdigendes Werk der Avantgardekunst. Ein ready-made ist seiner Intention nach das Gegenteil von dem, was man von einem "Werk" erwartet, es entzieht sich nahezu jeder historisch-semantischen Vorbestimmung. Ein Pissoir ist und bleibt ein Pissoir - als ready-made ist es jedoch ein diffiziler Kommentar zur historischen Kunstrezeption. Ein ready-made entspringt keinem kreativen Einfall, es markiert keinen Effekt einer ästhetischen Erfindung, sondern entsteht als eine Art mentale Neuordnung in der Geschichte der (Kunst-Objekt-) Wahrnehmung: es repräsentiert eine neu entdeckte Klasse von "gewählten" Objekten zwischen "gemachten" Kunstwerken und "produzierten" Industrieprodukten.
Die Auswahl ist das zentrale Verfahren des ready-mades, dass implizit die Bedingungen fortgeschrittener Massenproduktion karikiert. Auswählen heißt für Duchamp Bedeutungsspielräume begrenzen und (unerwartete) Indifferenzen in den Herstellungsprozess einzubauen. Bevor Sinn entsteht, erzeugt ein Kontext einen Widerspruch in sich selbst, der wahrnehmbar ist. Das ready-made bestätigt nicht die Differenz zwischen Kontexten, sondern den Widerspruch, den der Nutzer / Betrachter aus einer Sache selbst (hier: der ready-made-Idee) zu konstruieren gezwungen ist.
Das klassisch durchgestaltete Katalogbuch, das Harald Szeemanns ambitonierte Duchamp-Ausstellung in Basel begleitete, enthält nicht nur weit über 100 wichtige Objekte Duchamps und zwei von Duchamps wichtigen kommentierenden Texten (bzw. ein Interview aus dem Jahr 1967), sondern auch excellente Darstellungen von Duchamp-Spezialisten wie Herbert Molderings und Dieter Daniels. Unter dem Strich kann man an dem Band ablesen, dass sich die Autoren und der Ausstellungsmacher zum Glück scheuten, das Geheimnis des ready-mades lüften zu wollen. "Lieber atme ich als ich arbeite" soll Duchamp einmal geäußert haben. Melancholischer beschrieb Walter Benjamin in den Dreißiger Jahren die Aura als einen kaum wahrnehmbaren Lufthauch. Es existiert offensichtlich bei beiden Praktikern der Avantgarde so etwas wie ein Versuch, die Kunstrezeption ihrer Gegenwart in Termini atmosphärischer Schwingungen zu kennzeichnen.
Dass Duchamp auch tatsächlich mittels etwa 50 Kubikzentimeter abgefüllter Luft ein ready-made herstellte (Air de Paris, 1919 - Replik 1964) wurde jüngst in einen klima-philosophischen Zusammenhang dargestellt (vgl. Peter Sloterdijk, Luftbeben, An den Quellen des Terrors, Ffm. 2002, S. 106). Duchamp - ein Luftschiffer, der im stürmischen Klima der Moderne ein zunehmendes Chaos verursacht? Die Turbulenzen sind noch heute - höchst anregend - spürbar.
10.7.2002
Michael Kröger
Marcel Duchamp. Text v. Daniels, Dieter /Duchamp, Marcel /Molderings, Herbert u.a. Chronologie v. Caumont, Jacques. Hrsg.:Museum Jean Tinguely Basel, Nachw. v. Szeemann, Harald. 2002. 232 S., 200 Abb., davon 70 fb. 28 cm. EUR[D] 49,80
ISBN 3-7757-1182-1
 
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