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Kunst-Raum-Strasse

In Wiesbaden hat es die Moderne schwer. Wenn Sie sich zeigt, dann meistens hinter dicken Mauern des Historismus wie im Museum an der Wilhelmstraße – oder in der Gründervilla des Nassauischen Kunstvereins. Dort, wo sie öffentlich ist, fällt sie in der Bürgerstadt mehr auf als üblich: Sie setzt auf den Kontrast. Vor der Folie des Jugendstils und seiner üppigen Baudekoration sieht eine moderne Skulptur aus wie ein großes Ausrufezeichen.
„Raum. Kunst. Skulptur in Wiesbaden seit 1955“ heißt ein vom Wiesbadener Kulturamt herausgegebener Band mit Kunstbetrachtungen des Kunsthistorikers Björn Lewalter. Der Kunstflaneur durchstreift seine Heimatstadt mit freundlichem Blick und beschreibt mit großer Sorgfalt über sechzig Skulpturen und Monumente – die sein Partner Axel Unbehend mit unprätentiösen Schwarzweissfotografien dokumentiert. Ein Kunststadtplan hilft dem Leser bei der Suche.
Beim Blättern wird allerdings deutlich, wie wenig Hochkarätiges die Moderne in Wiesbaden hinterlassen hat. Da gibt es Stelen aus Edelstahl, massige Bronzequader, gespaltene Granitfelsen, Konstruktivistisches aus dem Repertoire der klassischen Moderne, braune Metallkeile oder etwa einen „Kaktus“ genannten Bronzebrunnen am Kaiser-Friedrich-Platz – schmückende Gebrauchskunst, die Fußgängerzonen und Plätze von Aalen bis Zwickau bevölkert. Die kaum jemandem gefallen, die aber irgendwie überallhin passen.
Besonderes ist selten, auch in Wiesbaden. Arbeiten wie das schlichte Heimkehrer-Denkmal des heute vergessenen Alfred Widmer im Vorort Biebrich etwa. Es zeigt zwei Menschen, die sich still in den Armen liegen. Oder die vielleicht beeindruckendste Freiplastik in Wiesbaden, Gerhard Marcks’ „Spielende Hengste“ aus dem Jahr 1962, die im Park der R+V Versicherung einen Platz gefunden hat. Von weitem sieht es so aus, als würden die beiden Pferde ihre Kräfte messen. Doch eigentlich spielen sie eher und umschlingen sich zärtlich.
Die besten Arbeiten weisen zurück in die Vorkriegsjahre wie etwa auch Wilhelm Knapps Dianafigur vor den Rhein-Main-Hallen. 1959 entstanden, könnte die kraftvolle Jagdgöttin aus Bronze doch auch aus den zwanziger Jahren stammen, wie Lewalter schreibt: „Die von dem Bildhauer Wilhelm Knapp geschaffene Diana führt eine figurative Tendenz fort, die ihren Ursprung um 1900 in den Plastiken Adolf von Hildebrands hat.“
Und auch die Pferdefigur aus Muschelkalk von Fritz von Graevenitz zeugt von einer Unentschiedenheit zwischen Tradition und Moderne: Wenig behauene Steinquader bilden die Vorder- und Hinterläufe des Tieres, erst nach oben wird die Figur leichter, doch freilich auch immer traditioneller. Den Wiesbadenern ist das Pferd aus Stein jedenfalls ans Herz gewachsen. „Amtsschimmel“ nennen sie die Figur vor dem Statistischen Bundesamt.
In Berlin sieht die Gründerzeit anders aus als in Wiesbaden. Zerfallen, bröckelig, ein bißchen Grau in Grau. „Kunst-Raum-Strasse“ beschreibt ein ungewöhnliches Kunstprojekt in der Oderberger Straße 2 am Prenzlauer Berg. Seit 1991 realisierte „o zwei“ zwischen Schönhauser Allee und Schwedter Straße eine Ausstellungsreihe unter Einbeziehung des Stadtraumes – eine lange Reihe von Einzelprojekten, die jetzt in einem Band dokumentiert worden ist.
Es sind keine Denkmäler von Dauer, die hier vorgestellt werden, sondern raumbezogene Arbeiten auf Zeit, die den Ort oft nur minimal verändern, wie Michael Glasmeier in seinem Katalogbeitrag schreibt: „Der gute Installationskünstler beharrt auf einer Eigenatmosphäre des vorgefundenen Raums ... Der Künstler ist nicht mehr alleiniger Herr im Haus, er muß mit dem Eigenleben der Dinge und einer vorformulierten Situation rechnen. Er schöpft nicht aus dem Nichts, sondern handelt im Etwas.“
Ob Lichtkegel in einer Bauruine, Landebahn für ein Ufo, Frühstückstisch im Hinterhof, 16 Orgelpfeifen, alte Porzellanteller auf dem Gehweg, hell leuchtende Gardinen, durch die Luft wirbelnde Ahornflügel, ein riesiger orangefarbener Schlüssel, ein Baugerüst mit 108 Wäscheständern, zwanzig Stahltische mit 180 Fläschchen Sojasauce oder der knallgelbe, verspiegelte „hundeförmige Reviererweiterungsaufklärer“, der süßes Parfüm absondert, wenn er ein schönes Plätzchen gefunden hat – die meisten der dokumentierten Installationen stimmen traurig, nicht dabeigewesen zu sein. Das Buch markiert auch das Ende des Kunstprojekts, denn die Umgebung hat sich verändert, wie Wolfgang Krause im Vorwort schreibt: „Inzwischen sind fast alle Häuser dieses Straßenabschnitts saniert und die Bevölkerung ausgetauscht.“
23.9.2003
Marc Peschke
kunst-raum-straße 1991-2001. Hrsg. v. Krause, Wolfgang. Arbeiten v. Matthias Körner, Sissel Tolaas, Durs Grünbein u.a. 100 S., 35 fb. Abb., Br., 29 cm, EUR 19,80 Vice
ISBN 3-932809-25-4
 
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