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Die Kunst der Gegenwart und Walter Benjamin

Von Walter Benjamin (1892-1940) ist bekannt, daß er sich häufig zu Kunstfragen äußerte. Er tat dies mehrfach in theoretischen Schriften, etwa dem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, als Rezensent zu Büchern über die Künste, so zu Bloßfeldts „Urformen der Kunst“ oder über eine Publikation zum Städtebauer Haussmann. Kennern seines Werkes ist dies bekannt, da in den Gesammelten Schriften vorliegend und ergänzt um zahlreiche Einzeldarstellungen der Sekundärliteratur. Doch an einem Überblick, der auch den Kunst- und Büchersammler einschließt, mangelte es bisher ebenso wie an einer Darstellung der Rezeption Benjamins in den Künsten. Eine Gesamtübersicht, die den Wechselverkehr zwischen Benjamin in den Künsten und Benjamin zu den Künsten zeigen wollte, kam durch das Haus am Waldsee unter dem Titel „Schrift Bilder Denken“ in Berlin als Ausstellungsprojekt (29. 10. 2004 - 31. 1. 2005) zustande. Sie wurde in zwei Katalogen dokumentiert, nachdem sich ein Gesamtkatalog wegen der Fülle des Materials nicht realisieren ließ. Der Doppelpack enthält eine Aufsatzsammlung (Katalog eins) und die eigentliche Ausstellungsdokumentation, die der Rezeption Benjamins in den zeitgenössischen Künsten gilt. Die Aufsatzsammlung tritt als Dreiteiler an: Benjamins Beziehung zu den Künsten seiner Zeit steht, zusammen mit der Rezeption seiner Schriften in den Geisteswissenschaften seit den 1960er Jahren, im Mittelpunkt des ersten Abschnitts. Im wesentlichen wird Bekanntes präsentiert, so etwa Benjamins Beziehung zu Paul Klee und dessen Bild Angelus Novus, das das Motto seiner Geschichtsphilosophischen Thesen illustriert und seine Beziehung zur klassischen Moderne. Der Theoretiker Benjamin kommt im Mittelteil mit Überlegungen zur Ästhetik, Kunstwissenschaft, Kulturtheorie und den visuellen Medien zu Wort. Erinnert sei daran, dass Benjamin Schlüsselbegriffe wie Aura, Reproduzierbarkeit, Gedächtnis, Passage, Archiv, Sammeln u.v.m. in den ästhetischen Diskurs wirkungsmächtig einbrachte. Dieses Mittelstück darf als gelungen angesehen werden, da alle wichtigen theoretischen Texte rekapituliert werden. Was indes fehlt, die Würdigung des für Benjamin sehr wichtigen Textes von Georges Salles, Archäologe und Direktor der Musées de France, Le regard, den Benjamin 1939 auf französisch in zwei Fassungen rezensierte und der seit 2001 in der vorzüglichen Ausgabe („Der Blick“ Verlag Vorwerk 8) vorliegt. Unverständlich die Zurückhaltung der Ausstellungsmacher Detlev Schöttker, Barbara Straka und Erdmut Wizisla deshalb, weil Benjamin in den Überlegungen dieses Autors - er entwarf eine Rezeptionsästhetik - einen Geistesverwandten sah, wie ein Brief Benjamins an Max Horkheimer bezeugt. Darin schreibt Benjamin, dass Salles das „gleiche Ziel hat wie das III. Kapitel meines Essays über ‘Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit’“. Durch Salles' feine Beobachtungen, gepaart mit klaren Reflexionen, von Proust und dessen Gedächtnistheorie inspiriert, öffnet dieser kleine Band Reflexionen über ein „Glück des Schauens.“ Auch formal besteht Verwandtschaft, feinsinnige Stilisten waren sie beide. Der dritte Teil des ersten Bandes findet mit dem zweiten Katalog, einem Bildband, betitelt mit Die Kunst der Gegenwart und Walter Benjamin, seine Fortsetzung. Benjamins Leitideen fanden Eingang in viele künstlerische Konzeptionen der Moderne. Die Ausstellungsmacher entschieden sich, jeder noch so kleinen Spur zu Benjamins Leben und Werk in den bildenden Künsten nachzugehen, mit zwiespältigem Resultat. Legendär etwa Gisèle Freunds oder Fred Dolbins Benjamin-Porträts, bekannt der Zyklus von HAP Grieshaber und Anselm Kiefer zum Engel der Geschichte oder Dani Karavans Environment, das an Benjamins Todesort Port Bou erinnert.
Der Bezüge zu Benjamins Leben und Werk gibt es viele und allzu viele Künstler versuchen sich im Glanze von Benjamins Werk und Leben zu sonnen. Überzeugend etwa die Arbeit von Timm Ulrichs, der das Buch mit dem Kunstwerkaufsatz, der dem Auraverlust durch technische Reproduktionsmedien nachgeht, selbst so lange fotokopierte, bis nichts mehr zu erkennen war. Dieser melancholische Reflex auf das Verschwinden der Sichtbarkeit durch die Steigerung der Reproduktionstechnik als neue Form der Erinnerung, ist auf der Höhe der Zeit. Die Benjamin-Figürchen aus Ton dagegen, die Volker März Flaneur nennt, sind nichts anderes als Kitsch, aufgepeppt durch einen hochgestochen klingenden Begleittext, es handele sich um eine „allegorische Handhabung seiner Person“. Die Fallhöhe zwischen Text und Artefakt ist so hoch, dass Volker März seinen Absturz gar nicht bemerken kann, denn seine Arbeit schwebte, über jeden qualitativen Anspruch erhaben, in den Katalog ein. Volker März setzte sich mitten ins Benjamin-Spektakel und betreibt weiterhin unverdrosen seinen Handel mit Benjamin-Figürchen. Diesem Kitsch wäre man beim Flanieren durch den Katalog lieber nicht begegnet, denn er führt - bei Salles löste die Begegnung mit wahrer Kunst „visuelle Euphorie“ aus - zur visuellen Depression. Zu diesen Anbiederungen an Benjamin gehört auch die Katalogbeigabe, ein Pappkärtchen an einem Metallfaden, beschriftet mit Unterwegs auf der einen und mit Walter Benjamin auf der anderen Seite. Das Kärtchen kann man drehen und wenden wie man will, zu diesem Schriftzug stellt sich kein Bild ein, höchstens der Gedanke, dass Benjamins Werk davon unberührt bleibt.
31.7.2005

Sigrid Gaisreiter
Schrift. Bilder. Denken. Walter Benjamin und die Kunst der Gegenwart. Katalog zur Ausstellung im Haus am Waldsee, Berlin. Hrsg.: Schöttker, Detlev. 320 S., 120 meist fb. Abb., Kt., Suhrkamp, Frankfurt 2004. EUR 39,-
ISBN 3-518-58395-6
 
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