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Selten eindeutig: Marcus Mrass untersucht „Gesten und Gebärden“

Marcus Mrass’ nun als Buch veröffentlichte Dissertation „Gesten und Gebärden“ versteht sich als eine „Begriffsbestimmung und Begriffsverwendung im Hinblick auf kunsthistorische Untersuchungen“: eine Untersuchung von immenser Bedeutung, wenn man sich vor Augen hält, dass es doch seit Anbeginn der Kunstgeschichte der Mensch ist, der im Mittelpunkt der Bildenden Kunst steht.
Dieses Buch hilft jene menschlichen Gesten und Gebärden zu verstehen, doch es ist das tiefe Anliegen des Autors, auch eine Terminologie zu erarbeiten. Sehr genau beleuchtet Mrass den Unterschied zwischen „Geste“ und „Gebärde“: Eine Geste, so Mrass, sei ein Begriff der Aufklärung, eine reflektierte Handlung, während eine Gebärde eher einer unbewussten, seelischen Stimmung geschuldet sei.

Die durchaus schwierige Unterscheidung, so Mrass, sei sehr wichtig für die Interpretation von Kunstwerken, auch wenn dieser Einschätzung in Besprechungen des Bandes bereits entgegengehalten wurde, es gäbe auch kaum unterscheidbare, bewusst-unbewusste Mischformen zwischen „Geste“ und „Gebärde“.

Es ist vor allem die Kunst des Mittelalters, die Mrass in dem Band untersucht: So versucht er etwa nachzuweisen, dass die Gestik von Adam und Eva in Masaccios Fresko der „Vertreibung aus dem Paradies" in Florenz nicht – wie Michael Baxandall 1977 geschrieben hat – einer zeitgenössischen, gestischen Zeichensprache von Mönchen entsprungen sei, die Scham (Adam) und Trauer (Eva) ausdrücken würden. Im Gegenteil, es seien kunsthistorische Traditionen, die belegen, dass es genau umgekehrt sei: Adam ist der Trauernde, Eva empfindet Scham.

Mrass, der heute für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz tätig ist, springt virtuos durch die vormoderne Kunstgeschichte vom 4. Jahrhundert vor Christus bis in die Barockzeit, untersucht die christliche Ikonographie italienischer Renaissance-Malerei genauso wie die attische Vasenmalerei nach Gesten und Gebärden, um zu Unterscheidungen zu gelangen – und dabei auch die sprachgeschichtliche Entwicklung der heute fälschlicherweise oft synonym verwendeten Begriffe zu klären.

Alles in allem ein komplexes, nicht gerade für Laien geschriebenes Buch, in dem zumindest eines klar scheint – wie Mrass auf spannende Art und Weise darzulegen weiß: Ganz selten sind Gesten und Gebärden der Kunstgeschichte wirklich eindeutig. Eindeutig bedauerlich ist es hingegen, dieses nicht eben preiswerte Buch nur mit Schwarzweißbildern auszustatten.
11.6.2006
Marc Peschke
Mrass, Marcus: Gesten und Gebärden. Begriffsbestimmung und -verwendung im Hinblick auf kunsthistorische Untersuchungen. 2005. 240 S., 98 sw. Abb. 28 x 21 cm. Gb., Schnell & Steiner, Regensburg 2005. EUR 69,90
ISBN 3-7954-1722-8   [Schnell & Steiner]
 
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