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Entdeckung der Abstraktion

Die Geschichte der Abstraktion ist eine typische Entwicklungs- und Erfolggeschichte der modernen Kunst am Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Weg vom Gegenstand zum rein aus Farben und Formen komponierten Bild wurde von Künstlern wie Robert Delaunay, Wassily Kandinsky, Frantisek Kupka, Kasimir Malewitsch oder Piet Mondrian beschritten und im Streit darum, wer das erste gegenstandslose Bild gemalt habe, schrieben die Künstler diese Erfindungsgeschichte gleich selbst. Eigentlich ist also alles klar, könnte man denken. Eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn und das sie begleitende Buch zeigen jetzt aber eine Geschichte der Abstraktion vor den Abstraktionen des 20. Jahrhunderts. Die alt bewährte Geschichte wird also nicht neu geschrieben, sondern um ein bislang unbeachtetes Kapitel ergänzt.

Ab wann kann man von einem Bild sprechen? Die Frage mag kurios klingen, aber das Buch geht zurück bis zu den Gefäßen aus strukturiertem Stein und Glas, den Dekorationselementen byzantinischer Kirchen aus gemustertem Marmor und den – dann bereits gemalten – Wandelementen in Giottos Paduaner Arena-Kapelle, die kunstvoll die Zufallsstrukturen der Natur nachahmen. Ist die Freude an von der Natur gestalteten Flächen, wie sie sich in Einlegearbeiten aus Stein zeigt, oder an den marmorierten Papieren, die man für die Buchherstellung im 18. Jahrhundert verwendete, bereits Ausweis eines Verständnisses für die Bildqualitäten des Gegenstandslosen? Zumindest seit den Scherzen über die Darstellung des nicht Darstellbaren wird über diese Qualitäten spekuliert. In dem epochalen Buch über den Tunichtgut Tristram Shandy integrierte der Engländer Laurence Sterne Abbildungen in den Text, was ihn zur Vaterfigur der experimentellen Literatur des 20. Jahrhunderts werden ließ. In der Kunstwissenschaft nahm man diese Abbildungen jedoch bislang nicht ernst. Ein Fehler, wie die zentrale Stellung dieses Buchs und seiner Bilder in der hier vorgelegten Kunstgeschichte zeigt.

Der Kurator der Ausstellung, Raphael Rosenberg spürte mit dem an der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts geschulten Blick die Frühformen der Gegenstandslosigkeit auf. Davon ausgehend sieht er Bilder bekannter Künstler wie William Turner und Gustave Moreau, die man bislang allenfalls für Nebenwege in deren Werk gehalten hat, mit neuen Augen. Waren es wirklich Bilder oder doch nur unvollendete Werke, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren und lediglich zufällig in den umfangreichen Nachlässen überlebten? Turner hat seine gegenstandslosen Farbkompositionen ebenso wenig ausgestellt, wie Moreau die Papierpaletten, auf denen er seine Aquarellpinsel ausgestrichen hatte. Aber beide haben derartige Zufallsprodukte aufgehoben. Und im Werk beider spielen die hier gewonnen Strukturen durchaus auch in den „offiziellen“, „vollendeten“ Werken eine Rolle. Die Fragen, ab wann man von einem Bild sprechen kann, und was man unter einem Bild verstehen muss, werden hier also auf eine spannende Probe gestellt.

Mit dem Weg vom gestaltlosen Fleck zurück zur gegenständlichen Bildphantasie ging der französische Schriftsteller Victor Hugo weit über die Begeisterung seiner Zeitgenossen für „Klecksographien“ hinaus. Er war von der Welt aus Flecken ebenso fasziniert, wie angeregt, in ihnen Traumschlösser und Abenteuerszenen zu entdecken, die er mit wenigen Ergänzungen zum Vorschein brachte. Zudem konnte er die Schönheit der frei verlaufenden Farbe genießen und damit gänzlich gegenstandslose Bilder schaffen.

Neben den literarischen Bildern bei Balzac und Gottfried Keller, den neuen geistigen Bildern in der Esoterik der Jahrhundertwende um 1900 endet das Buch in einem amüsanten Ausblick. In der Karikatur des 19. Jahrhunderts werden bereits viele Bildprobleme der gegenstandslosen Malerei des 20. Jahrhunderts vorformuliert, nur eben in der Negativform. In der Blütezeit naturalistischer Malerei ließen auch die Karikaturisten ihrer Phantasie freien Lauf und entdeckten zum Beispiel die Monochromie, wenn auch nur im berühmten „Kampf der Neger im Keller während der Nacht“.

Was nicht alles in den letzten Jahren „entdeckt“ wurde – die Romantik, das Biedermeier usw. Im vorliegenden Buch ist wirklich etwas zu entdecken. Der Katalog dokumentiert weniger die Ausstellung, als dass diese eher ein Buch visualisiert. Mit anderen Worten, das ebenso klar gegliederte wie angenehm lesbare Buch von Raphael Rosenberg wird über die Ausstellung hinaus ein Standardwerk zur frühen Geschichte des gegenstandslosen Bildes bleiben. Dass es zugleich geeignet ist, unsere Vorstellungen von der Kunst der Moderne in Frage zu stellen, ist dabei nur ein erfreulicher Nebenaspekt.
28.12.2007
Andreas Strobl
Rosenberg, Raphael: Turner - Hugo - Moreau. Entdeckung der Abstraktion. Katalogbuch. 360 S., 300 fb. Abb. 30 x 24 cm. Pb, 2007. EUR 39,90
ISBN 978-3-7774-3755-2
 
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