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Handbuch Literaturwissenschaft

Interdisziplinäres Handbuch.

Mit der Notwendigkeit einer Selbstvergewisserung des Fachs Literaturwissenschaft begründet der Literaturwissenschaftler Thomas Anz sein Projekt, sowohl einen Überblick als auch eine umfassende Präsentation der Literaturwissenschaft, vorzulegen. In einem dreibändigen „Handbuch Literaturwissenschaft“ bündelte Anz sein Anliegen. Der erste Band, betitelt mit „Gegenstände und Grundbegriffe“, behandelt Paradigmen, Disziplinen, Themen und Tendenzen. Im zweiten Band „Methoden und Theorien“ erfolgt, bei aller Selbstständigkeit dieses Bandes, eine Vertiefung und Differenzierung des im ersten Band Verhandelten. Im dritten Band, „Institutionen und Praxisfelder“ wird die Geschichte der Literaturwissenschaft aufgearbeitet und in dessen zweiten Teil werden Berufsfelder und literaturwissenschaftliches Handwerkszeug vorgestellt. Wie heute häufig in den Wissenschaften, so auch hier, das Handbuch wurde interdisziplinär angelegt. Es soll intern als Grundlage literaturwissenschaftlicher Kommunikation dienen, sieht Anz diese Disziplin als in viele Spezialgebiete zersplittert an, der es an gegenseitiger Wahrnehmung fehle. Sodann sollen Anschlüsse zur anderen wissenschaftlichen Disziplinen hergestellt werden. Zudem gelang es dem Literaturwissenschaftler Anz, die knapp siebzig Autoren auf einen Grundton in ihren Artikeln zu verpflichten, der die Balance von fachlicher- und allgemeinverständlicher Kommunikation hält.

Anschlüsse Band 1

Schon im Entrée zum ersten Band gelingt Anz der Spagat, sowohl die Zuständigkeit der Literaturwissenschaft für das große Feld „textueller Sachverhalte“ zu reklamieren, als auch anzumahnen, deren Kompetenzen nicht „ins Grenzenlose auszuweiten.“ Wo die Grenzen nun genau liegen ist letztlich nur wissenschaftsintern festlegbar. Der gewählte Literaturbegriff ist im ersten Band als erster Grundbegriff weit definiert als: „Ein literarischer Text ist eine Abfolge von Sprachlauten und / oder Schriftzeichen, die fixiert und / oder sprachkünstlerisch gestaltet und / oder ihrem Inhalt nach fiktional ist.“ Mit diesen drei Kriterien, Fixierung, Fiktionalität, künstlerische Sprachverwendung ergeben sich mehrere Kombinationsmöglichkeiten, die zur besseren Verständlichkeit in Form der Mengenlehre als sieben Teil- und Schnittmengen „L1 - L7“ visualisiert wurden. In L1 sind alle drei Kriterien erfüllt. Dazu gehören etwa literarische Werke wie Romane oder Erzählungen. Nicht-fiktional geht es in L2 zu. Zu dieser Gruppe gehören der Reisebericht oder der Essay. Zur Unterhaltungs- und Trivialkultur werden jene Texte in L3 gerechnet, die zwar fiktional und fixiert sind, nicht jedoch sprachkünstlerisch gestaltet wurden. Der Begriff erlaubt es daher, ganz unterschiedliche Textsorten zu erfassen, nicht nur der Bereich non-fiction findet seinen Platz, sondern auch Zeichen im Allgemeinen, wie sie als „Bilder->Sprache<“ in Höhlenmalereien vorliegen. Der Ansatz des Mammutunternehmens, Anschlüsse zwischen Wissenschaften allgemeinverständlich herzustellen wird bereits an dieser Stelle, 1.6 „Literarizität von Kunst und Kultur“ deutlich. Kunsthistoriker und Kunstinteressierte haben es ja nicht nur mit Bildern, sondern auch mit Texten zu tun. So verfassen Künstler auch Texte und die Künste beziehen sich intermedial aufeinander. Letzteres Verhältnis wird im dritten Kapitel des ersten Bandes 3.6. „Bild im Text, Text im Bild“ vorgestellt, hier jedoch steht zunächst der „Wettbewerb der verschiedenen Künste um bestimmte Inhalte und Verfahren“ zur Rede. Dem Autor dieses Kapitels, Jost Schneider ist es sehr gut gelungen, die historisch grundsätzlichen Positionen knapp und präzise darzustellen. Betont die horazische Formel „ut pictura poesis“ die strukturelle Verwandschaft von Dichtung und Malerei im Hinblick auf das Mimesis-Prinzip, so bemüht sich die Gegenposition, für die Lessings „Laokoon“ steht, jeder einzelnen Kunstdisziplin ihr „jeweils eigenes spezifisches Betätigungsfeld zuzuweisen.“


Auch im zweiten Kapitel „Texttypen und Schreibweisen“ gibt es einen Link zur Kunstwissenschaft, das Verfahren „Parodie“ findet sich auch in Bildern. Im dritten Kapitel schließlich wird auf die „gegenseitige Durchdringung von sprachlicher und visueller Kommunikation“ und deren unterschiedlichen Formen abgehoben: Comicstrip, Emblem oder Konkrete Poesie. Kurz und bündig werden die historisch unterschiedlichen Zusammenhänge von Text und Bild vergegenwärtigt. Dieser Beitrag ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil, nach der Arbeit von Wilhelm Voßkamp und Brigitte Weingart in „Sichtbares und Sagbares“ von 2005, nochmals, angesichts der Ausrufung eines „pictorial turns“, in Erinnerung gerufen wird, sich präzise der variablen Text-Bild-Mischungsverhältnisse zu vergewissern. Hier sei, so der Beiträger Urs Meyer, die Kompetenz der Literaturwissenschaft im Kontext einer Medienkulturwissenschaft, gefragt. Auch im nächsten Kapitel „4. Textwelten“ geht es zunächst ums Bild, konkret um „Bildgedichte“, gezeigt wird ein Beispiel von Kurt Schwitters. Vertiefend wird dann im neunten Kapitel „Kontexte“ auf das Beziehungsgeflecht von Literatur und bildender Kunst in 9.2. eingegangen. Der möglichen Ligaturen gibt es viele: Literatur zu Bildern in Form von Bildbeschreibungen, Bildgedichten, Bilderzählungen, Bildkommentaren und Malerporträts, Malergeschichten, Illustrationen zu literarischen Werken, Doppelbegabungen, Schreiben über Bilder oder literarische Autoreflexion. Der erste Band wird mit dem zehnten Kapitel „Normierung und Reflexivität literarischer Kommunikation“ beschlossen, darin das informative Kapitel 10. 2. „Ästhetik“, das Ingo Stöckmann besorgte.

Anschlüsse Band 2

Das plurale und transnationale Programm des Handbuchs wird auch im zweiten Band eingelöst. Nicht nur sind auch für Kunstwissenschaftler Erkenntnisse und Innovationen im Bereich der Editionsphilologie (Kapitel 1) von Interesse, sondern auch die folgenden Kapitel, die sich mit Textanalyse, Textinterpretationen und Textbewertung (Kapitel 2 und 3) befassen. Überaus gelungen ist auch das fünfte Kapitel zu „Theorien und Methoden der Literaturwissenschaft“, das Theorien und Methoden vom Strukturalismus bis zu den Cognitive Poetics (beziehen sich in ihrem Forschungsanliegen auf die Kognitionswissenschaften), von der Hermeneutik bis zu den Cultural Studies, geordnet nach Text-, Autoren-, Leser- und Kontextorientierung, vorstellt. Letztere, so der Beitrag von Fotis Jannidis, „weisen ein besonders breites Spektrum auf.“ Zu diesem gehört die Kritischen Theorie, die angestoßen durch die Studentenbewegung, lange das literaturwissenschaftliche Feld beherrschte. Auf Deutschland beschränkt sieht der Autor den nächsten Ansatz, der als „Sozialgeschichte der Literatur“, vorgestellt wird. In dessen Mittelpunkt steht die Frage nach der Art der Beziehung von Symbol- und Sozialsystem, sich vom marxistischen Ansatz der Kritischen Theorie unterscheidet. Mit beiden Ansätzen konkurriert der heute wirkungsmächtig gewordene systemtheoretische Ansatz von Niklas Luhmann in „Die Kunst der Gesellschaft“. Ein kleines Kunststück gelang Jannidis insbesondere in der Darstellung des aus Frankreich stammenden feldtheoretischen Ansatzes von Pierre Bourdieu, die dieser in „Die feinen Unterschiede“ ausführlich vorstellte. Bourdieu holt darin die Verwendung von Kunst und Kultur als Mittel sozialer Distinktion in einer breit angelegten empirischen Untersuchung ein. Den Abschluss dieses Bandes bilden Ausführungen zum Verhältnis der Literaturwissenschaft zu ihren Nachbarwissenschaften Sprach-, Medien-, Theater-, Kunst-, Musik-, Geschichts-, Kultur-, Sozial- und Naturwissenschaften sowie zu Psychologie, Theologie und Philosophie. Auch für den Beitrag von Monika Schmitz-Emans, der dem Verhältnis von Literatur- zu den Kunstwissenschaften nachspürt, gilt, er ist als Überblick gut lesbar. Beide Wissenschaften, so die Autorin, beziehen sich auf die gleichen wissenschaftlichen Paradigmen und teilen sich, in der Beschäftigung mit Wort-Bild-Relationen, den Gegenstand. Gegen Ende ihres Beitrags umkreist Schmitz-Emans erneut die „Konvergenzen zwischen literatur- und kunstwissenschaftlichen Diskursen“ und stellt Theoretiker beider Disziplinen vor.

Anschlüsse 3

Insbesondere für Studierende ist der dritte Band gedacht, da darin nicht nur auf die Geschichte des Fachs Literaturwissenschaft reflektiert wird, sondern auch praktische Berufsorientierung geboten wird. Diese Hinweise sind für Kunstwissenschaftler gleichermaßen interessant, da ihre beruflichen Wirkungsfelder sich mit denen von Literaturwissenschaftlern, sei es in Bibliotheken, Archiven, Museen, Verbänden, in Presse, Medien und Verlagen überschneiden. Mit letzteren befasst sich der Beitrag von Anja Gerigk, die perspektivisch System- und Feldtheorie, Luhmann und Bourdieu, verbindet.

Endschlüsse

Verlagen komme, so Gerigk, für die wissenschaftliche Kommunikation konstitutive Bedeutung zu. Das ist nicht neu, verdient aber trotzdem erwähnt zu werden, zumal der Verlag J.B.Metzler, bei dem wieder ein geisteswissenschaftliches Großprojekt erfolgreich verlegt wurde, nicht nur selbst Gegenstand in diesem von Anz hervorragend konzipierten Handbuch ist, sondern weil Metzler, wie wenige andere geisteswissenschaftliche Verlage auch, es versteht, tatsächlich beizutragen zur „orientierenden Information der Lehrenden wie der Studierenden“ nicht nur literaturwissenschaftlicher Fächer und - so lässt sich anfügen - aller Interessierten. Anstatt sich zum 325. Verlagsgeburtstag 2007 beschenken zu lassen, schenkt Metzler selbst. Mit Thomas Anz wurde ein erfahrener Herausgeber gefunden, der zudem erfolgreich Theorie, als Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Marburg, mit Praxis, er betreibt das Online-Rezensionsportal „literaturkritik.de“, verbindet. Online hat Thomas Anz Mitbewerber, nicht jedoch hier. Das konkurrenzlose Grundlagenwerk gehört in jede gute Bibliothek.

13.11.2008



Sigrid Gaisreiter
Handbuch Literaturwissenschaft. Hrsg. Thomas Anz 3 Bände. 1.Band: Gegenstände und Grundbegriffe. 2. Band: Methoden und Theorien. 3. Band: Institutionen und Praxisfelder. Nicht einzeln erhältlich. Zusammen 1428 S., 24 x 17 cm. Gb., J.B. Metzler, Stuttgart 2007. EUR 199,95
ISBN 978-3-476-02154-0
 
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