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Umm el-Qaab VII - wo sich die ersten Könige Ägyptens bestatten ließen

Seit über 100 Jahren graben Archäologen unterschiedlicher Nationen in der Königsnekropole von Umm el-Qa’ab bei Abydos, wo sich die ersten Könige Ägyptens bestatten ließen. Dabei dauern die Grabungen, nun vom Deutschen Archäologischen Institut Kairo unter Leitung von G. Dreyer, bis heute an und liefern weiterhin hochspannende Hinweise zum Leben und zur Kultpraxis der Ägypter von der formativen Phase bis in die jüngere ägyptische Geschichte. Am Eingang eines imposanten Wadis ließen sich die Könige der 1. Dynastie (ca. 3150‒2920 v. Chr.), sowie die beiden letzten Könige der 2. Dynastie (um 2700 v. Chr.) ihre Ruhestätte für die Ewigkeit errichten. Dabei ist es gerade für die Gräber der 1. Dynastie ein Spezifikum, dass zur eigentlichen Königsgrabkammer auch eine gewisse Anzahl von Nebenbestattungen erfolgte, für das Grab des Königs Djer nennt der britische Archäologe W.M.F. Petrie 318 Nebenkammern. Mit diesen Kammern lassen sich unterschiedliche Fragestellungen verbinden: So ist bis heute nicht geklärt, ob wirklich alle Kammern für die Aufnahme einer (Neben)-Bestattung dienten, und was für Personen sich hinter diesen, vielleicht sogar dem toten König Geopferten, verbergen.
Das Gräberfeld war bereits während der frühen archäologischen Untersuchungen durch diverse Kultaktivitäten und Plünderungen, die seit antiker Zeit für Abydos belegt sind, gestört. Dies hat zur Folge, dass viele der noch heute im Rahmen der Nachuntersuchungen ans Licht kommenden Funde, nicht in jeder Hinsicht einem bestimmten Grab, geschweige denn einer bestimmten Kammer oder Schicht zugeordnet werden können.
Aus den unterschiedlichen Ausgrabungen ist eine Objektgattung belegt, die neues Licht auf die Nebenbestattungen werfen wird. Es sind dies Kalksteinstelen, zumeist schlecht erhalten, die heute in den Museen der ganzen Welt verstreut sind und mit Hilfe der alten Grabungsberichte teils noch kontextualisiert werden können. 40 Jahre beschäftigte sich der britische Ägyptologe G. T. Martin nunmehr mit dieser Quellengattung aus Abydos, indem er die meisten der Objekte in den entsprechenden Museen sichtete und wenn möglich neue Faksimile-Zeichnungen anfertigte. Das Ergebnis dieser akribischen Suche und Bearbeitung liegt dem Leser nun mit einem großartigen Band der Reihe „Archäologische Veröffentlichungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo“ vor.
Dieser Band, dies sei bereits vorweg betont, ist primär als Katalog gestaltet und enthält nach einer kurzen Einführung in die Thematik, sowie einigen Bemerkungen zum Fundkontext die Zusammenstellung aller bislang in Abydos gefundenen frühzeitlichen Privat-Steinstelen. Dabei versucht der Autor, die Stelen der Altgrabungen wie beispielsweise von Amélineau und Petrie zu identifizieren. Es finden aber auch die bei den Nachgrabungen des DAI Kairo zutage geförderten Funde Eingang in das Werk.
Des Weiteren findet der Leser eine Übersicht über die auf den einzelnen Stelen belegten Zeichen, geordnet nach Kategorien wie z.B. Männer, Frauen, Körperteile, Tiere etc. (S. 4-13).
Im Katalogteil, der den Großteil des Bandes ausmacht, werden insgesamt 359 Stelen bzw. Fragmente aufgeführt, die allesamt auch als Umzeichnung geboten werden. Dies ist umso wichtiger, als dass bislang nur skizzenhafte Zeichnungen der Stelen veröffentlicht sind und somit erstmals der Korpus in seiner Vollständigkeit und mittels verlässlichen Abbildungen publiziert vorliegt. Im Anhang ist zudem jede der Stelen in zumeist erstklassigen Schwarz-weiß-Fotografien abgebildet. Objekte, die leider nicht mehr zugänglich oder verschwunden, respektive zerstört sind, mussten unterdes erneut mit den bereits von Petrie 1900‒1901 veröffentlichten Umzeichnungen und Fotografien abgebildet werden.
Neben dem heutigen Aufbewahrungsort, der Herkunft, einer kurzen Beschreibung, sowie der jeweiligen Inschrift, findet der Leser im Katalog auch zu jedem Objekt eine ausführliche Bibliographie. Bei der Nummerierung folgt der Autor der bereits von W.M.F. Petrie und P. Kaplony etablierten Zählung, die nun durch die neuen Funde einfach erweitert wurde. Dies hat zwar zur Folge, dass die Stelen somit nicht nach Fundkontext und Chronologie geordnet sind, macht es aber sehr viel einfacher, wenn man mit den beiden zuvor genannten Referenzwerken arbeitet, die Stücke zu identifizieren. Zudem ist es durch den sehr gut strukturierten Kurzkatalog sehr schnell möglich, die Hauptinformationen zu Herkunft und Datierung zu erlangen.
Das Buch wird mit einem Anhang abgeschlossen, der die Konkordanzen zu den Katalognummern mit den jeweiligen Museen und Indizes zu den belegten ägyptischen Titeln, Götternamen, Personennamen etc. beinhaltet.
Martin widmet sich in diesem Band einer Objektkategorie, die nicht nur für die bereits oben erwähnten Fragestellungen von größter Bedeutung sind, sondern ebenso für die Schriftentwicklung, sowie die Kulturgeschichte der formativen Phase des Alten Ägypten. Dabei stellen die Objekte selbst, vor allem aufgrund ihrer schlechten Erhaltung, eine besondere Anforderung an den sie bearbeitenden Forscher. Vor allem Wind und Sand haben über die Jahrtausende die Oberfläche abgearbeitet, so dass bei vielen der Stelen die einstige Inschrift ‒ wenn überhaupt – nur noch recht schemenhaft zu erkennen ist. Zu unterscheiden sind hierbei generell zwei Formen von Inschriften: 1) als erhabenes Relief gearbeitete hieroglyphische Inschriften und 2) Tintenaufschriften (vorwiegend aus der Umgebung des Grabes von König Djet) (S. 3). Auffällig ist, dass die Privatstelen im Gegensatz zu den bislang bekannten Königsstelen des Friedhofs, vorwiegend aus einem Kalkstein von schlechter Qualität gearbeitet worden sind, der in der nächsten Umgebung ansteht (Vgl. S. 1). Die Qualität des verwendeten Rohmaterials, sowie die Witterung haben dazu beigetragen, dass viele der Stücke nur noch fragmentarisch vorliegen, was freilich die Ausdeutung und Lesung der Inschriften in besonderem Maße erschwert. Hierin liegen aber zugleich die Besonderheit und ein gewisser Reiz für den Forscher, der, dies belegt der Band in seiner Gänze, vom Bearbeiter G.T. Martin in großartiger Weise gemeistert worden ist. Trotz der meist schlechten Erhaltung bietet Martin für die meisten der 359 Stelen eine Lesung, die in klassischer Umschrift geboten wird. Somit liegt nun erstmals ein Korpus vor, mit dem wir zumindest eine große Anzahl an Privatnamen der hier Bestatteten belegt finden. Auffällig ist dabei, folgt man dem Argument, die auf den Stelen eingemeißelten Determinative/Klassifikatoren von hockenden/sitzenden Personen mit Langhaarfrisur seien Frauen, eine recht große Anzahl von Stelen belegt ist, die wir mit Frauen verbinden könnten (vgl. auch S. 2). Dies fällt vor allem bei einer statistischen Erhebung der Stelen ins Auge, die aus dem Bereich des Djer-Grabes stammen (der Rezensent arbeitet zurzeit an einer Ausdeutung dieses Befundes). Neben den Stelen, die möglicherweise Namen und Titel von weiblichen Individuen belegen, sind aber auch viele für Männer, sowie solche für Tiere, darunter vor allem Hunde (z.B. Kat.-Nr. 173), nachgewiesen. Neben administrativen bzw. Priestertiteln wie beispielsweise sechen-ach, wohl eine Form von Ritualpriestern (Kaplony 1963), sind ebenso verschiedene Berufsbezeichnungen wie seschem (Bäcker), seftu (Schlachter), etc. belegt. Hervorzuheben ist, dass möglicherweise sogar einige Ausländer (sty-Nubier) in der Nähe des Königs ihre letzte Ruhestätte, ausgestattet mit einer Kalksteinstele, erhielten. Dies zeigt deutlich, wie vielschichtig die Nebenbestattungen waren, wenn man die Hierarchie der Bestatteten in der Gesellschaft betrachtet (Kuhn i. Vorber.).
Interessant ist das Ungleichgewicht von bislang entdeckten Stelen und für die jeweiligen Königsgräber nachgewiesenen Nebenkammern. Sicherlich ist damit zu rechnen, dass einige der einst in Abydos aufgestellten Stelen entweder noch nicht entdeckt, bzw. mittlerweile auch zerstört oder gestohlen wurden. Es wäre jedoch zu fragen, ob überhaupt alle hier Bestatteten eine Stele vom König gestiftet bekamen bzw. ob überhaupt alle Nebenkammern für die tatsächliche Aufnahme einer Bestattung angelegt worden sind. Doch sind dies Thesen, denen beim noch laufenden Ausgrabungsprojekt des DAI Kairo nachgegangen wird.
Neben den Inschriften ist freilich die Kontextualisierung der Monumente von höchstem Interesse. Leider finden sich im vorliegenden Band nur einige allgemein formulierte Informationen zu dieser Problematik. Dies ist allerdings sicher vor allem den wenigen von den Altgrabungen überlieferten Informationen geschuldet. Viele der Stelen ließen sich schon während der Grabungen von W.M.F. Petrie nicht mehr eindeutig einem Königsgrab zuweisen und so verhält es sich freilich auch bei vielen der Stücke, die bei den Nachgrabungen zutage kamen. Im Katalog wird daher auch richtigerweise zwischen Stelen unterschieden, die einem Grab oder sogar bestimmten Nebengrab zugewiesen werden können und solchen, die zwischen einzelnen Königsgräbern entdeckt worden sind. Eine eindeutige Zuweisung zu einer speziellen Nebenkammer ist letztlich die Ausnahme (S. 2).
Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei der Publikation in erster Linie um einen Katalog, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, einen vollständigen Korpus der bislang bekannten Privatstelen aus dem Königsfriedhof vorzulegen. Daher wird der Leser naturgemäß nur einführende Informationen zu den einzelnen Aspekten wie Kontext, Titel etc. finden. Sicherlich wäre es wünschenswert gewesen, auch statistische Erhebungen zu den einzelnen Belegen durchzuführen, sowie Diskussionen zu den Titeln und Namen zu präsentieren. Dies kann nun aber von anderen Forschern auf Grundlage dieser großartigen Quellensammlung betrieben werden.
Der Band stellt, dies darf zum Schluss gesagt werden, eine herausragende Bearbeitung des vorliegenden Quellenmaterials dar, wie sie auch für die nächsten Jahre mustergültig sein wird. Nicht nur die übersichtlich gehaltenen und präzise formulierten Katalogtexte, sondern auch ästhetische Gestaltung des Bandes ist lobend hervorzuheben. Vor allem die direkte Gegenüberstellung von Beschreibung und Umzeichnung, erleichtern die Handhabe des Buches und ermöglichen ein einfaches Vergleichen ohne Umblättern. Der Band setzt damit sowohl inhaltlich als auch gestalterisch gesehen Maßstäbe und ist aus der Bibliothek eines jeden an der Frühzeit Ägyptens und Schriftentwicklung Interessierten nicht wegzudenken.

11.08.2011
Robert Kuhn
Geoffrey Thorndike Martin. Umm el-Qaab VII. Private Stelae of the Early Dynastic Period from the Royal Cemetery at Abydos
Archäologische Veröffentlichungen 123. V, 312 S. 1.332 Abb. 90 Tafeln with 332 Abb. Gb. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2010. EUR 98,00 CHF 166,00
ISBN 978-3-447-06256-5   [Harrassowitz Verlag]
 
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